Arbeitnehmer werden Firmeneigentümer

Bürgschaftsbank

Die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg unterstützt verantwortliches unternehmerisches Handeln – etwa dadurch, dass sie die Kapitalbeteiligung von Mitarbeitern an mittelständischen Unternehmen fördert. Das soll die Motivation steigern, schreibt meine Kollegin Inge Nowak. 

Noch  zu Beginn des Jahrtausends konnten sich nur die Führungskräfte der Lorch Schweißtechnik GmbH  an „ihrem“ Unternehmen beteiligen; seit  2015 steht   diese Anlageform  nun  allen 200 Beschäftigten  offen. Für     Johannes  Jakob, Prokurist  des Unternehmens aus Auenwald bei Backnang (Rems-Murr-Kreis), ist dies eine Form der Mitarbeiterbindung.  Und in Bewerbungsgesprächen sei es ein Argument,  um die Attraktivität des Betriebes zu erhöhen.     „Wir   machen die   Beschäftigten zu Unternehmern“,  sagt er.
Lorch Schweißtechnik, die ausschließlich in Deutschland  produziert, sei auf Fachkräfte angewiesen, um den technologischen Vorsprung zu halten. Sie  bietet      Industrie und Handwerk  Lösungen für  Schweißarbeiten an.
Wenn es nach der  Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft  (MBG) geht, sollten mehr    Mittelständler solche Modelle   einführen, auch „um sich im zunehmenden  Wettbewerb gegen die Großen  zu behaupten“, urteilt Dirk  Buddensiek,   der Vorstand der Bürgschaftsbank  Baden-Württemberg und Geschäftsführer   der MBG ist. 20 Millionen Euro stehen im Südwesten für das Programm „Mittelstand CSR“ zur Verfügung; CSR steht dabei  für verantwortliches  unternehmerisches Handeln  über das betrieblich  notwendige hinaus, definiert  Buddensiek.  Konkret soll    das Geld  nach dem Willen der MBG  in die Gesundheit der  Mitarbeiter,  in Kindertagesstätten, in Energieeffizienz oder eben in den Aufbau einer Mitarbeiterkapitalbeteiligung fließen.    Mit dem  Programm, dass 2013  aufgelegt wurde, wurden bisher 22   Unternehmen gefördert; die Lorch Schweißtechnik  ist eines davon.   Dabei ist in diesem Fall kein Geld geflossen. Das Unternehmen, an dem die MBG  eine stille  Beteiligung hält,  wurde  bei der Implementierung  des Modells unterstützt.

Die Beschäftigten können jedes Jahr entscheiden, ob sie investieren

Jedes Jahr  im November  können sich nach dem  nun aufgestellten Modell die     Beschäftigten der Lorch Schweißtechnik   entscheiden, ob und wie viel sie in das Unternehmen investieren wollen, erläutert Prokurist Jakob.   Der Mindestbetrag pro Jahr   liege bei 300 Euro, der Höchstbetrag bei 1640 Euro. Das Unternehmen selbst lege  zwischen 150    und   360  Euro  drauf. Die jährliche  Verzinsung orientiere     sich  an der Umsatzrendite, dem  Ergebnis vor Zinsen  und  Steuern im Verhältnis zum Umsatz. Laufen die Geschäfte gut, könne   die Verzinsung  bis auf    vier  Prozent steigen,  schreibt das Unternehmen Verluste,    dann könne  der Zinssatz auch  unter Null fallen  – auf maximal minus  drei Prozent, erläutert Jakob.    Einen Verlust habe das Unternehmen, das 40 Millionen  Euro  umsetzt,   bisher   nur einmal  und zwar 2009 geschrieben.  Normalerweise liege  die   Umsatzrendite zwischen  zwei und drei Prozent –  und damit die  Verzinsung für die Beschäftigten    bei etwa zwei Prozent, rechnet der Prokurist vor.
Klingt wenig?   „Sie müssen den Zuschuss des Unternehmens berücksichtigen“, sagt Jakob –  dann ergebe sich eine  attraktive Verzinsung   für die Beschäftigten. Der  Zuschuss   wird immer gezahlt, selbst wenn die  Zinsen negativ sind.   Auch für das Familienunternehmen selbst, das mehr als 50 Prozent seines Umsatzes im Ausland erzielt,   ist das Modell  günstig.   Denn die  Einzahlungen werden  wie Eigenkapital behandelt,  im Insolvenzfall  handelt es sich   – anders als  etwa Bankkredite –  um nicht bevorrechtigtes Kapital.  Insgesamt sechs Jahre läuft das Programm,  dann kann der Mitarbeiter wieder über das Kapital verfügen – und von     Neuem beginnen.    Mit  der Resonanz   im Jahr eins war  Jakob nicht   ganz zufrieden.  35  Mitarbeiter haben sich   mit insgesamt 35 800  Euro beteiligt. „Die  Erwartung war größer“, sagt er.   Ziel sei, dass 60  Prozent der  Berechtigten  mitmachen. Ein Wert, der  erreichbar erscheint.

Der Motorsägenhersteller Stihl hat viel Erfahrung mit der Mitarbeiterbeteiligung

Stihl hat   viel Erfahrung  mit der  Mitarbeiterbeteiligung; seit    30  Jahren können die Mitarbeiter  des Motorsägenherstellers  Genussrechte zeichnen.  70 Prozent der Berechtigten  machen mit.   Pro Jahr können  maximal Titel   im Nennwert   von 1350 Euro  gezeichnet werden; der Mitarbeiter  selbst steuert davon  rund ein Drittel bei. „Ein Unternehmen, das den langfristigen  Erfolg will,  investiert nicht nur in die Qualität seiner Produkte  und Dienstleistungen,  sondern auch in dauerhafte Bindungen,  gegenseitiges Vertrauen  und Loyalität“,  hat Nikolas Stihl, der   Vorsitzende des Stihl-Aufsichtsrats, einmal gesagt. Auch bei Stihl  sind Negativzinsen  möglich. Doch dies kam bisher nur einmal, nämlich 1987, vor. Seit 1994  liegt die Verzinsung bei  zehn Prozent. Mit einer Ausnahme: im  Krisenjahr 2009  waren es „nur“ neun Prozent.
Die MBG hat  bisher  bei  drei  Unternehmen    eine Kapitalbeteiligung  eingeführt. In ganz Deutschland  machen 4200 Unternehmen  ihrem Personal ein solches  Angebot.

 

Infobox: Bürgschaftsbank und Beteiligungsgesellschaft
Bürgschaftsbank und Mittelständische Beteiligungsgesellschaft   haben 2015 insgesamt    2271  Mittelständler  im Land mit Bürgschaften und Garantien  unterstützt (plus 1,3 Prozent). Fast  1400  davon sind Existenzgründer.  Konkret handelt es  sich um 930   Neugründer und 470  Nachfolger. Das  Kredit- und Beteiligungsvolumen   ist  um  13,2 Prozent auf 517 Millionen  Euro gestiegen.   Vor allem   das Handwerk und der stationäre Einzelhandel haben  Unterstützung   bei den Förderinstituten gesucht. Der Handel  investiere  dabei in innovative Konzepte  und Erlebniswelten,  um dem  Onlinehandel Paroli zu bieten.   Auch  die Industrie wendet  sich verstärkt an  die beiden Institute –   stückzahlmäßig wurden  elf Prozent mehr  ­Finanzierungen   genehmigt; das   Volumen stieg nur um  drei Prozent. Die Hausbanken seien vorsichtiger ­geworden und  suchten einen Risiko­partner, urteilen die Förder­institute.

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