Cebit 2016/2: Gedrosselter Drohnen-Boom

Drohnen; CebitEine Drohne des deutschen Herstellers Aibotix in der Flughalle der Cebit; Foto: Cebit

In den Messehallen der Cebit  zeigen Drohnen ihre heute schon vorhandenen Möglichkeiten. Doch im kommerziellen Alltag können sie ihre wachsenden automatischen Fertigkeiten nicht ausreizen.  Die deutschen Regularien setzen noch enge Grenzen.

Schön klingen sie nicht, die summenden und sirrenden Flugobjekte, die in der frei geräumten und  ein kräftiges Echo auslösenden Halle 16 der IT-Messe Cebit innerhalb der Fangnetze auf- und abschwirren. Das orangefarbene Fluggerät, das in der Halle an gestapelten Kisten vorbeifliegt und sie automatisch einscannt, gibt Geräusche von sich wie eine Mischung von Staubsauger und Wespenschwarm. Doch wenn es nach der Berliner Lobbyorganisation Dronemasters geht, sollte dieser Sound auch in Deutschland bald zum Alltag gehören – nicht mehr nur bei Freizeitfliegern, wo Minifluggeräte schon ab 40 Euro aufwärts zu haben sind, sondern vor allem im kommerziellen Bereich.
Mit nur zwei Monaten Vorlauf hat die Cebit die leere Halle  gefüllt, den die internationale Initiative des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT namens Code_n hinterlassen hat, die noch im vergangenen Jahr denselben Raum spektakulär mit Robotern inszenierte. Doch Code_n ist nach  Karlsruhe weitergezogen. Die Drohnen sollen nun auf der Cebit das manchmal trockene Thema Digitalisierung mit Leben füllen.

Die Drohnen-Technik ist weiter als die Regulierer

„Leider passt die augenblicklich in Deutschland geltende Regulierung überhaupt nicht zur Entwicklung – sie lässt beim autonomen Fliegen keine Freiräume zu“, sagt Christof Fischoeder von Dronemasters.  Bei maximal 30 Meter Höhe und am Ende der Sichtlinie zum menschlichen Drohnenpiloten ist die Anwendung tabu – selbst für Unternehmen, die beispielsweise Drohnen über ihrem eigenen Werksgelände zur Überwachung einsetzen wollen. „In Deutschland wird das zuallererst unter dem Sicherheitsaspekt betrachtet“, sagt Fischoeder. Selbst die Lufthoheit über Privatgelände wolle der Staat in jedem Fall behalten. Damit, sagt er, verpassten Deutschland und Europa den aktuellen Trend zum autonomen Fliegen, bei dem die Drohnen-Technologie ihre Stärke entfaltet.
Zudem gibt es nicht nur unterschiedliche Regularien in den EU-Ländern – in Deutschland sind   auch noch die 16 Bundesländer zuständig. Die erst vor wenigen Monaten in Berlin gegründete Plattform Dronemasters will unterschiedliche Interessenten aus dem kommerziellen Bereich miteinander verbinden und darauf aufmerksam machen, dass es bei Drohnen nicht nur um ein paar neue, seltsame Objekte im Luftraum geht, sondern den deutschen Umgang mit mobilen Systemen insgesamt. Land und Luft ließen ich da gar nicht mehr, wie es heute noch der Fall ist, sauber voneinander trennen. Kompliziert wird es beispielsweise, wenn eine Drohne ein Paket ausliefert oder vielleicht eine kurze Distanz auf Rädern im Straßenraum zurücklegt.
Bernhard Stich, Chef des erst vor eineinhalb Jahren gegründeten Händlers Drohnenstore 24, der  nebenan in der Halle seinen Stand aufgeschlagen hat, kann mit der bisherigen  Reglementierung  gut leben. Sie  schreckt seine Hauptkundengruppe der Freizeitpiloten nicht ab. Ein Drohnen-Führerschein oder  eine  Einweisung in die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Vorschriften ist keine Pflicht. „Wir bieten Kurse an – aber wenn sie da vier Stunden an Regularien durchgepaukt haben, dann können sie sich doch gar nicht alles merken“,  sagt Stich. Behindert werden  hingegen kommerzielle Anwender, denen die erlaubte Flughöhe nicht reicht oder die die vorhandenen Möglichkeiten wie das automatische Umfliegen von Hindernissen  nicht voll nutzen dürfen.

Die Drohnen-Revolution könnte in Lagerhallen und Läden beginnen

Die kommerzielle Drohnen-Revolution könnte deshalb in einem ganz anderen Bereich gelingen – rund um die Textilregale im Kaufhaus. „Bis jetzt muss jemand durch die Reihen gehen und mit einem Gerät die Ware einscannen“, sagte Kurt Bischof vom Hamburger Chiphersteller NXP, der seine nur 0,2 Millimeter großen smarten Datenlabels inzwischen in jedes Kleidungsstück integrieren kann. Schon in zwei, drei Jahren könnten also noch kurz vor Ladenöffnung kleine Drohnen zickzack durch die Etagen schwirren und binnen Minuten eine aktuelle Inventur erledigen, die heute, trotz der Chiptechnik noch einige Stunden dauert.
Auch in großen Lagerhallen sei solch ein System denkbar, sagt Nils Thoss, der Verkaufschef des Kasseler Drohnenherstellers Aibotix, der zurzeit kommerzielle Drohnen vor allem an Medien und Fotografen, kartografische Anwender, Leitungsbetreiber sowie Land- und Forstwirte verkauft. Selbst präzise eine Flugbahn einhalten oder Hindernisse erkennen ist technisch schon möglich. Das Problem ist bis jetzt noch die generelle Orientierung in Innenräumen: „Im Freien nutzen sie das Satellitenortungssystem GPS, das geht drinnen nicht“, sagt Thoss. Man  entwickele mit dem Fraunhofer-Institut eine solche Technologie. „Die Regulierung ist  bis jetzt kein Problem“, sagt der Experte von Aibotix. „Noch nicht“, fügt er  hinzu.

 

Kommentar:  Bitte mehr  Pragmatismus!
Drohnen sind ein gutes Beispiel für die Missverständnisse, die sich in Deutschland  um Zukunftstechnologien ranken.  Technikbegeisterung einerseits und hohe Regulierungs- und Sicherheitsbedürfnisse  andererseits sind manchmal eine fatale Kombination.  Einerseits regen die Geräte, die im Freizeitbereich   einen wahren Boom erleben,  zu luftigen Visionen an. So  hat die manchmal etwas dröge IT-Messe Cebit  in letzter Minute eine einwöchige Drohnen-Flugshow und sogar Wettrennen integriert.  Immer wieder erregen auch Google und Amazon mit ihren angeblich kurz vor der Tür stehenden  Plänen für Drohnen-Lieferdienste  Aufsehen – wobei  untergeht, dass alleine  die Reichweite der Akkus den  Propellerantrieben  noch enge Grenzen setzt. Ganz zu schweigen von  praktischen Sicherheits-Fragen, wenn die Geräte sozusagen auf Augenhöhe an der Haustür einschweben.
Andererseits droht Deutschland bei dieser Zukunftstechnologie  den Anschluss zu verlieren, weil das landesübliche Bedürfnis obsiegt, selbst Technologien,  deren Anwendungen sich dynamisch entwickeln, in ein Regulierungskorsett zu zwingen.  Dummerweise bringen hier gerade die begeisterten Freizeitpiloten die Technik in Verruf. Wenn Drohnen den Flugpfad von Verkehrsflugzeugen kreuzen oder verbotenerweise über Menschenansammlungen kreisen, dann ist das kein Problem fehlender Spielregeln, sondern belegt, dass jede neue Technologie schwarze Schafe hervorbringt.
Die Realität liegt zwischen Euphorie und Angst. Im kommerziellen Bereich werden zurzeit immer mehr Anwendungen entwickelt, die das bisherige regulatorische Gerüst sprengen, das etwa voll automatisiertes Fliegen stark einengt. Warum darf eine große Firma etwa über ihrem Werksgelände keine Roboter-Drohnen einsetzen? Warum gibt es nicht mehr Erleichterungen und Ausnahmeregelungen für Hersteller und Start-ups?  Nicht alles, was im heutigen Rechtsrahmen nicht ausdrücklich erlaubt ist, muss gleich verboten sein.

1 Kommentar zu "Cebit 2016/2: Gedrosselter Drohnen-Boom"

  1. Christoph Link | 21. März 2016 um 18:21 | Antworten

    du hast vollkommen Recht!

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