Cyber One Award: Genialität und Bescheidenheit

Cyber One Award

Bei der Verleihung des diesjährigen Cyber One Award, dem baden-württembergischen Innovationspreis, waren teils geniale technische Innovationen zu besichtigen. Doch beim Welteroberungsgeist bleiben die meisten Teilnehmer bodenständig. 

Klein, aber dafür umso feiner: Das Freiburger Biotechnologie-Unternehmen Cytena, das am Donnerstag in Sinsheim den Cyber One Hightech Award, den Innovationspreis der baden-württembergischen Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg connected (Bwcon) gewonnen hat, ist ein Paradebeispiel für Innovation made in Germany. Viele Jahre steuerfinanzierter Forschung stecken in der nun marktfähigen Druckertechnologie,  mit der sich einzelne Zellen so punktgenau  platzieren lassen, dass sie präzise analysiert werden können –  eine weltweit einmalige Technologie. Entstanden ist sie an der Universität Freiburg in einer Forschungseinrichtung, die sich  damit beschäftigt, wie Flüssigkeiten nach dem Muster eines Tintenstrahldruckers auf  Unterlagen aufgebracht werden können.
Der  Markt, den das Freiburger Team im Visier hat, besteht aus weltweit etwa 5500 Forschungsinstitutionen aus den Bereichen der Pharmazie und der Medizin. „Im Prinzip kann man auf diesem Markt  alle seine Kunden persönlich kennen“, sagt André Gross, der technische Leiter von Cytena. Und bei diesem hoch spezialisierten  Markt wird es für das bisher sechsköpfige Team  vorerst bleiben. Rein theoretisch wäre es möglich, die neu entwickelte Technologie auch für andere Anwendungen als für das Drucken von Zellen zu nutzen.  Doch für das Unternehmerteam, das bisher vier Geräte an Kunden geliefert hat, bleibt der methodische  Aufbau des kleinen Unternehmens erst einmal das oberste Gebot.
Insofern ist der diesjährige Preisträger des Cyber One High Tech Award sowohl ein Beispiel für die Stärken als auch für  die Limits des Innovationsstandorts Deutschland. Eine Million Euro hat Cytena vom High-Tech-Gründerfonds des Landes eingesammelt. Zudem ist ein  privater Einzelinvestor beteiligt.
Das Produkt ist einerseits so hoch spezialisiert, dass die Fertigung außerhalb  Deutschlands kein Thema ist.  „Unser größtes Problem ist es zurzeit, qualifizierte Fachkräfte zu finden“, sagt der Geschäftsführer Jonas Schöndube. Mehr als eine Handvoll  Arbeitsplätze werden es andererseits vorerst nicht werden. Doch was wäre, wenn jemand aus dem Silicon Valley wie der Internetriese Google, der verstärkt auf die Medizintechnik blickt, die vielversprechende Technologie entdecken und damit auch in anderen Bereichen das ganz große Rad drehen wollte? Für die Gründer aus Freiburg ist diese Frage   weit weg. Vorerst motiviert die Begeisterung für die eigene Technologie,  nicht  das ganz große Geld.

Cyber One Award sucht das Geheimnis baden-württembergischer Innovation

Während im Veranstaltungssaal der Sinsheimer Arena auf dem parallel zum Innovationswettbewerb stattfindenden High- Tech-Gipfel über große, vor allem digitale Strategien geredet wurde, war im Stockwerk darüber zu besichtigen, wie unscheinbar manchmal auf den ersten Blick das Geheimnis baden-württembergischer Innovation sein kann. Neuartige Messverfahren für Elektromotoren? Ein IT-Konzept, das es ermöglicht bei Produktionsrobotern während des Betriebs das Zusammenspiel der IT zu optimieren? Sexy erscheint das, was das Backnanger Start-up DCK Engineering beziehungsweise die  Bad Rappenauer Firma MM Automation  auf den Markt bringen wollen, auf den ersten Blick nicht. Doch kein Google der Welt würde  das wichtige praktische Problem erkennen, das beide Firmen  lösen wollen.
Wenn Mario Herrmann von MM Automation das große Stichwort Industrie 4.0 hört, dann zögert der Betriebsinformatiker  der seine Verwurzelung in der Region betont, erst einmal. „Na ja, sie können das virtuelle Inbetriebnahme nennen“, sagt er bescheidener. Das  zwölfköpfige Team der erst in diesem Jahr gegründeten Firma hat eine Software entwickelt, die vollkommen realistisch das Zusammenspiel der immer komplexer werdenden Roboter in einer Fertigungsstraße widerspiegeln kann. Sie   erlaubt es, nach Fehlern und Schwachstellen der Programmierung zu suchen, ohne dass die Produktion unterbrochen werden muss. Das ist in einer Zeit, in der die Komplexität von Software und damit auch die Fehleranfälligkeit immer größer geworden ist, ein enormer Trumpf. Bei den Geschäftsideen landete man am Ende auf einem ehrenvollen vierten Platz.
Auch Claudius Kischka von DCK Engineering kommt aus der Praxis. Beim Kettensägenhersteller Stihl war er für die mit Akkus betriebenen Produkte zuständig und stieß  auf ein Problem, das wohl nur Entwickler erkennen können, die mit dem Produktionsalltag eng vertraut sind: „Wenn sie heute Elektromotoren auf einen Prüfstand stellen, dann sind die Resultate nicht zuverlässig genug. Wenn zwei Abteilungen  denselben Motor messen, kommen verschiedene Ergebnisse heraus.“ Schon eine  unterschiedliche Erwärmung kann das Ergebnis verfälschen. Kischka hat einen innovativen Prüfstand entwickelt, dessen Details er wegen des laufenden Patentverfahrens nicht verraten will.
Und wer genauer hinblickt, entdeckt in dem vermeintlich unscheinbaren Projekt ein Zukunftsthema,  das perfekt zu den großen Überschriften der Elektromobilität und der Ablösung fossiler Energieträger passt. Wer dank besserer Vermessung seine elektrischen Motoren  kompakter dimensionieren kann, spart nicht nur Ressourcen,  er kann auch mit kleineren Akkus zur Stromversorgung auskommen. Dennoch war  Kischka, der am Ende auf Platz sieben landete, damit zufrieden, in der Schlussauswahl  gewesen zu sein.   „Was die da drüben machen, ist doch viel wichtiger – die  retten Menschenleben,“  sagte er beim Blick auf den Stand des Siegers Cytena.

 

INFOBOX – Die Preisträger
Der Jury in Sinsheim hatten sich für den mit Preisen in Höhe von 100000 Euro dotierten Cyber One High-Tech-Award zwölf Unternehmen gestellt. Siegerin im Bereich Start-ups wurde die Freiburger Firma Cytena, die einen Drucker für Zellen entwickelt hat. Den Preis für die Erweiterung eines Geschäftsfeldes gewann die Stuttgarter Firma „Die Ligen“,  die Videos von Fußballspielen vermarktet. Den zweiten Preis bei den Start-ups gewann das ebenfalls aus Stuttgart stammende Unternehmen EKU Power Drives, das  einen mit Erdgas betriebenen Hybridantrieb offeriert. Zweiter im Bereich Geschäftsfelderweiterung wurde die Karlsruher Agentur „Der Punkt“ mit Tools für Videopräsentationen.   Mit der  Life-Science Firma Venneos landete ein Stuttgarter Start-up in diesem Bereich auf Platz drei.

———————————————————————-
Bild: Das Gewinnerteam von Cytena, v.l.n.r. Peter Koltay (Business Development), Benjamin Steimle (CFO), Jonas Schöndube (CEO).  Quelle: Cyber One

Kommentar hinterlassen zu "Cyber One Award: Genialität und Bescheidenheit"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*