Stuttgart: Erster offener Hackathon bei Daimler

Daimler; HackathonZehn Teams programmierten und entwickelten in den Bereichen Gesundheit und vernetztes Haus. Foto: Daimler

Daimler will beim Thema Innovation neue Wege gehen. Erstmals in Europa organisierte der Konzern am Wochenende in Stuttgart einen sogenannten Hackathon, der sich an Studenten von außerhalb des Unternehmens richtete.

Bisher waren solche Entwicklungswettbewerbe –   mit einer Ausnahme bisher im Silicon Valley –  nur unternehmensintern abgehalten worden. Der Begriff Hackathon ist eine Kombination aus Marathon und Hacken, also das kreative, nicht immer den Regeln folgende Programmieren. Hackathons sind Entwicklungswettrennen bei denen konkurrierende Teams nach Möglichkeit nonstop binnen 24 oder 48 Stunden an einem Entwicklungsprojekt arbeiten, das meist eine digitale Komponente hat. Dabei soll die Idee von den Teilnehmern erst zum Projektstart definiert werden. Das Ziel ist, mit hohem Tempo und intensivem Teamgeist neue Wege zu gehen.
Der Wettbewerb ist Teil einer neuen Veranstaltungsreihe, die bis zum Herbst auch noch in Peking, Bangalore und im Silicon Valley am Daimler-Entwicklungsstandort in Sunnyvale stattfinden soll. Das soll eine neue Offenheit des Konzerns für Ideen von außen zeigen, insbesondere auch bei Studenten in den für den Konzern interessanten Fachrichtungen. „Es ist ein Signal, dass wir uns verändern wollen“, sagt Anke Kleinschmit, die bei Daimler die Abteilung Konzernforschung und Nachhaltigkeit leitet. „Seit etwa drei oder vier Jahren hat sich unsere Unternehmenskultur radikal gewandelt“, sagt der Daimler-Chefstratege Wilko Stark: „Wir suchen ein neues Denken für neue Ideen.“
In der Buddha-Lounge in Stuttgart-Süd traten rund 50 Teilnehmer in zehn Teams  mit bis zu einem halben Dutzend Gruppenmitgliedern unter Zeitdruck gegeneinander an, um Ideen aus dem Bereich des vernetzten Hauses und digitaler Gesundheitsanwendungen zumindest im Anfangsstadium zu entwickeln. Sie kamen vor allem aus Universitäten der Region, aber auch aus der Schweiz, Pakistan und Indien . Zwei Arbeitsgruppen wählten als ihre Sprache Englisch.

Der Zeitdruck ist beim Hackathon  das oberste Prinzip

Die Idee, auf die sie nicht binnen 24 Stunden kommen, wird auch mit mehr Zeit nicht geboren“, sagt  Starrk über die Philosophie des Veranstaltungsformats: „Den speziellen Hackathon-Geist können sie auf der Langstrecke gar nicht halten.“ Die beiden Themenfelder hatten bewusst nicht unmittelbar mit Daimler-Produkten zu tun. „Um schneller zu werden, brauchen wir Menschen, die anders ticken. Deshalb haben wir auch andere Themen als die Mobilität gewählt“, sagt Kleinschmit.
Daneben sollen solche Events künftig auch dem lockeren und potenziellen Kontakt zu möglichen Nachwuchskräften dienen und  das Bild von Daimler aufpolieren. „Wir wollen auch nach außen zeigen, dass Daimler eine ganz coole Kultur hat“, sagt Kleinschmit.
Die nach einer intensiven Bewerbungsphase ausgewählten Teilnehmer, die  nicht nur relevante Fachkenntnisse  nachweisen mussten, sondern auch ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen mussten, bekamen für den Wettbewerb auch vielfältige Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Sie reichten von Legosteinen über Mikroprozessoren bis zum teuren EKG-Messgerät. Teams für das Thema vernetztes Haus konnten mit einem Hausmodell aus Pappe experimentieren.
Verknüpfungen zu Daimlers Kerngeschäft sollten sich erst aus den Ergebnissen heraus ergeben. Doch die besonders erfolgreichen Teams orientierten sich schon sehr unmittelbar am Thema Fahrzeug. Als Sieger  ging ein Team mit dem Namen Interceptor hervor, das erreichen will, dass mithilfe von Körper- und Umgebungsdaten  SMS und Anrufe nur dann zum Fahrer durchgelassen werden, wenn er nicht im Stress ist. „Das Projekt hat gewonnen, weil es ein reales Problem aufgreift und Stress und Unfälle durch Ablenkung vermeiden soll“, so Jurymitglied Kleinschmit zur Begründung. Die Teams auf dem zweiten und dritten Platz widmeten sich dem Gesundheitsthema im Wettbewerb.  Die Mannschaft Lifeguard will mithilfe von Körperdaten beim Sekundenschlaf sofort Notfallmanöver einleiten. Die Gruppe Team Road misst ebenfalls  den Stresslevel von Fahrer und Beifahrer  und will ihn dazu bringen, die  Fahrweise entsprechend anzupassen.

Erstmal geht es um Ideen – nicht um fertige Produkte

Das Ziel des Wettbewerbs war nicht, unmittelbar verwertbare Produktideen zu hervorzubringen. „Das was hier herauskommt, ist erst einmal eine Idee – kein Patent“, sagt Konzernstratege Stark: „Die Teams sollten aber grundsätzlich darüber nachdenken, ob sie auch einen Markt hat.“ Forschungschefin Kleinschmit betont den offenen Charakter der Veranstaltung: „Wir sind an den Inhalten interessiert, ohne dass wir sie gleich abgreifen wollen. Es ist ein erster Samen, der gesät werden kann.“ Bei  interessanten Konzepten sei es aber durchaus denkbar, dass die Teams zum Weitermachen ermuntert werden: „Wenn es sich lohnt, eine drei bis sechsmonatige Start-up-Phase daranzusetzen, dann soll das auch das entsprechende Team machen.“ Vorerst können sich die Sieger  über Preise noch ganz im Sinne des traditionellen Mobilitätsverständnisses freuen: Ein exklusives Fahrertraining, Tickets zu Deutscher Tourenwagenmeisterschaft und Gutscheine für das Daimler Car2go Carsharing.
Auch wenn Daimler in Stuttgart von einem Auftakt-Hackathon sprach, ist  noch offen, wie es mit dem Veranstaltungsformat weitergeht. „Wir wollen erst noch lernen, was für uns eine geeignete Methode ist“, sagt Kleinschmit. Das Konzept sei nicht in Stein gemeißelt. Noch sei es auch zu früh, etwa an firmenübergreifende Projekte zu denken, wo etwa Autozulieferer und Hersteller gemeinsam nach neuen Ideen suchen. „Stuttgart ist aber dafür ein interessanter Standort, weil Start-ups gerne dort sind, wo es Kunden gibt, mit denen sie konkrete Projekte umsetzen können.“
Die Hackathons sind Teil der Strategie des Konzerns, sich auf vielfältigere Weise mit der Start-up-Kultur zu vernetzen. Ohne dass dies offen kommunziert wurde, haben  Daimler-Spitzenmanager in Stuttgart bereits  an Workshops zum Thema Start-up-Methodik teilgenommen. Und ohne bis jetzt Details zu nennen, lässt der Konzern auch durchblicken, dass man in den kommenden Monaten ein Projekt vorstellen will, das in der Region Stuttgart ein für den Konzern interessantes Netzwerk zur Förderung von Start-ups aufbauen soll.

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