Die deutsche Angst vor der Digitalisierung

Angst; Digitalisierung

Dass die Deutschen beim Sprung an neue Ufer wie im Falle der  Digitalisierung zögern, ist  fast ein Gemeinplatz. Hier einige Beobachtungen und Links zu Texten, die dies bestätigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat gerade vor dem Verlegerverband VDZ mit Blick auf die Digitalisierung auf eine ausgewogene Einschätzung von Chancen und Risiken geworben. „In den USA ist erst einmal alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist,“ sagte die Kanzlerin. Sie kennt ihre deutschen Pappenheimer. Die Digitalisierung  ist längst zum festen Bestandteil der deutschen Angst-Kultur geworden.
In meinem vorigen Blog-Beitrag zum Thema TTIP war unter anderem der unterschiedliche Umgang mit potenziellen Bedrohungen durch chemische Stoffe diesseits und jenseits des Atlantiks ein Thema: Bei uns gilt das Prinzip, erst einmal vorsorglich alles zu verbieten, auch wenn es noch keine definitiven wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt. Damit sind die Europäer bei einigen Substanzen übrigens absolut richtig gelegen, bei anderen Dingen – Stichwort Rinderwahn BSE – hat man mit enormem Aufwand gegen Phantome gekämpft. Es geht hier nicht um richtig oder falsch, sondern um die vollkommen andere Herangehensweise. Man braucht das nicht gleich so polemisch sehen, wie ein Analytiker der FAZ, der das härter und aggressiver formuliert als ich das tun würde. Dennoch ist solch eine Position auch einmal lesenswert.
Zwei weitere aktuelle Texte, zu denen ich hier verlinken will, bieten bedenkenswerte Perspektiven zum Thema Digitalisierungs-Angst. Ein Artikel in der gewiss konservativ-wirtschaftsfreundlichen  Welt, der vom deutschen „Holzweg“ spricht,  bringt die Probleme der deutschen Wirtschaft mit dem Thema Industrie 4.0 sehr schön auf den Punkt. „Zu langsam, zu risikoavers, zu technologieskeptisch“ lautet das Fazit nicht nur für die Unternehmen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.   Das klingt in der der Tat wie aus dem Phrasenwörterbuch der Deutschland-Klischees. Aber es stimmt dennoch. Der Text scheint jedenfalls einen Nerv getroffen zu haben: Er ist etwa diese Woche bei Technologie-Storys auf Platz drei des Internet-Artikelkiosks Blendle.

Der Grad der Digitalisierung in Deutschland stagniert

Es wird also in Deutschland nicht zu wenig über die Herausforderungen geredet. Auch mit diesem Blog hier muss ich mich „schuldig“ bekennen. Aber es scheint manchmal, dass ganz im deutsch-philosophischen Sinne das Reden schon die eigentliche Realität ist. Eine aktuelle Studie von TNS Infratest passt in dieses Bild. Der unter dem Titel D21 publizierte Überblick stellt fest, dass die Deutschen beim Sprung ins digitale Zeitalter ein wenig erlahmen. Der Anhand eines Index ermittelte Grad der Digitalisierung stagniert seit 2013 nun schon im zweiten Jahr.
Nun kann es durchaus ein Zeichen von digitaler Kompetenz sein, wenn fast ein Viertel  der Menschen lieber weniger online sein wollen. Problematisch ist es allerdings, wenn ein Fünftel der Befragten antwortete, dass man das Internet meide, wo immer das möglich sei. Man kann in Deutschland die Tatsache, dass man nicht auf Facebook ist, immer noch selbstbewusst wie eine Monstranz vor sich hertragen. Aber Schwimmen lernt man eben erst im Wasser: Auch bei mir hat es eine ganze Weile gedauert, bis es im wahrsten Sinn des Wortes Klick gemacht hat. Es gibt nämlich viele Varianten, wie man sich in der digitalen Welt tummeln kann, ohne sich in banalen persönlichen Botschaften oder beim Klick auf Katzenvideos zu verlieren. Auch das Leben im Zeitalter der Digitalisierung lässt sich strukturieren und gestalten. Unsichtbar wird man da nicht mehr mehr, aber auch beim Datenschutz und der Preisgabe persönlicher Daten gibt es  zumindest gewissen Handlungsspielraum, wenn einem der nötige Aufwand dies wert ist. Doch bei der Skepsis zu TTIP über die Industrie 4.0 bis hin zur digitalen Welt insgesamt scheint mir in Deutschland der kritische Gestaltungswille häufig durch pauschale Negativität überlagert zu sein.

————————————————————————————
Bild: Yootheme

Kommentar hinterlassen zu "Die deutsche Angst vor der Digitalisierung"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*