Ein fairer deutscher Blick auf Google

Google; Buch

Es gibt ein neues deutsches Buch über Google – und ausnahmsweise ergeht es sich nicht in Bashing und Welteroberungstheorien. Thomas Schulz, der Silicon-Valley-Reporter des Spiegel, hat erstaunlich viele offene Türen vorgefunden und zeichnet ein differenziertes Bild des Konzerns und seiner Ambitionen. 

Was ist beim Thema Google denn mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ los? „Was Google wirklich will“, lautet ganz nüchtern der Titel des Buches des Silicon-Valley-Reporters Thomas Schulz. Keine Krake blickt vom Cover, keine grimmigen IT-Ikonen greifen gleich nach der Weltherrschaft. Schon nach der Lektüre der ersten Seiten bemerkt man, dass auch im Online-Zeitalter nichts besser ist, als das journalistische Objekt über das man schreibt,  selber gründlich in Augenschein  zu nehmen. „Es ist schwieriger jemand zu verdammen, mit dem man zu Abend gegessen hat“, so zitiert Schulz den Google-Aufsichtsratchef Eric Schmidt, der vor allem in Europa inzwischen als eine Art Google-Außenminister unterwegs ist.
Und so wartet man als Leser über viele lange Kapitel hinweg vergeblich auf die in Deutschland unvermeidlichen, düsteren  Reflexionen darüber, was der Riese aus Mountain View mit seiner Datensammelei Unheilvolles anrichten könnte. Damit unterscheidet  sich Thomas Schulz wohltuend von  deutschen Machwerken des Google-Bashing, für die beispielsweise das in diesem Jahr im Herbig-Verlag erschienene Machwerk „Die Akte Google“ der Journalisten Torsten Fricke und Ulrich Novak ein besonders trübes Beispiel ist.
Kapitel um Kapitel beschäftigt sich Schulz –  angereichert offenbar mit dem Ertrag  vieler persönlich geführter Gespräche –  mit all den  technologischen Feldern, die der Konzern jenseits der Suchmaschine noch im Blick hat. Prominent taucht da natürlich das fahrerlose Auto auf. Aber auch auf  all die anderen, im Konzernjargon „Moonshots“ („Schüsse in Richtung Mond“) genannten Projekte  geht der Autor sehr ausführlich ein. Sie reichen von Stratosphärenballons, die das Internet selbst in die entlegensten Weltgegenden bringen wollen, über den perfekten Übersetzungscomputer bis  zu medizinischer Forschung.

Eine vorurteilslose Perspektive auf Google

Schulz geht den IT-Giganten vorurteilslos an. Er erläutert, wie das Weltbild  des Google-Gründers Larry Page hinter der optimistischen und mit dem Anspruch der Weltveränderung antretenden Unternehmensphilosophie steckt. Der Autor kann seine grundsätzliche  Sympathie dafür nicht verbergen – und wenn man etwa die Passagen zum Umgang von Google mit seinen Mitarbeitern liest, versteht man auch, warum das so ist. „Das Einzige, was immer funktioniert, ist den Mitarbeitern Freiheit zu geben“, so zitiert der Autor  Googles Personalchef Lazlo Bock.
Schulz spart sich die kritische Reflexion mit der Macht des Konzerns für seine finalen Kapitel auf. Und das ist auch gut so. So bleibt dem Leser genügend Zeit, sich seinen eigenen Eindruck zu formen. Schulz seziert aber gleichzeitig auch die  deutschen Vorurteile gegen den US-Konzern: Insbesondere der Springer-Verlag tue sich wegen eigener wirtschaftlicher Interessen als der  oberste Google-Basher hervor. Vielleicht hat die Beschreibung einzelner technischer Projekte ein paar Längen. Und an manchen Stellen  würde man sich eine etwas intensivere kritische Auseinandersetzung etwa mit dem auch bei Google immer noch geringen Anteil an Frauen unter den Mitarbeitern wünschen. Doch insgesamt ist das Buch eine der besten  deutschen  Darstellungen von Googles Innenleben aus den  vergangenen Jahren.

Thomas Schulz: Was Google wirklich will. Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert. Deutsche Verlags-Anstalt, 335 Seiten, 19,99 Euro.

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Bild: DVA

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