Ein Push! für Gründer aus der Wissenschaft

Push

Zum zweiten Mal wurden Gründerteams aus Hochschulen in der Region Stuttgart zum so genannten Push!-Wettbewerb geladen. An der Universität Hohenheim übten sich acht Teams in der Kunst der Präsentation – ganz ohne Power Point.

„Sie sind hier, weil sie uns etwas wert sind“ – so begrüßte der Hohenheimer Gründungsprofessor Andreas Kuckertz am Mittwochabend acht Startup Teams, Jury und Gäste in der guten Stube der Universität Hohenheim, dem Balkonsaal des Hohenheimer Schlosses. Zum zweiten Mal nach 2014 hatten die Wirtschaftförderung der Region Stuttgart (WRS) unterstützt  von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG)  und dem Steinbeis-Beratungszentrum für Existenzgründungen potenzielle Gründer aus den Hochschulen der Region Stuttgart eingeladen, die in einer frühen Phase ihre Ideen und Entwicklungen vorstellen wollten.
Bei dem Wettbewerb  gibt es zunächst kein großes Startkapital zu gewinnen. Die drei Preise zwischen 500 und 200 Euro je Gruppe reichen, wie die Präsentatorin Kathleen Fritzsche am Ende bei der Preisvergabe anregte, höchstens für eine nette Teamparty. Der Push-Wettbewerb ist eher eine Gelegenheit, überhaupt einmal die Formulierung und Präsentation der eigenen Geschäftsidee zu üben, zumal die Präsentationsregeln nicht wegen des ziemlich üblichen Zeitlimits von drei Minuten hart sind, sondern vor allem wegen der Tatsache, dass keinerlei Power Point oder sonstige Präsentationstechniken erlaubt sind, was die Teams aber dazu zwingt, klar und schlank ihr Konzept zu präsentieren.
Das Tableau entsprach ziemlich gut den zwei Gründertypen aus der Wissenschaft. Zum einen, die ideenreiche App-Fraktion, die manchmal noch so weit in der Frühphase steckt, dass die zu Grunde liegenden Algorithmen noch gar nicht zu Ende programmiert sind. Zum anderen hochqualifizierte Wissenschaftler, die seit Jahren an viel versprechenden, oft technologischen Entwicklungen forschen, die aber, was das eigene Unternehmertum angeht, noch in einer sehr frühen Phase sind. Geboten waren so etwa die „Bücherflohmarkt-App“ von Studenten der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart , die selbst einräumten, dass die Perfektionierung des Handels mit gebrauchten Büchern, wohl eher ein Non-Profit-Modell sei. Ein ebenfalls von der HdM kommendes  Gründerteam namens „Big Balance“ wollte eine Restaurantgründung für asiatisch-gesunde Ernährung  mit Internetangeboten und Online-Shopping koppeln. Noch nicht fertig entwickelt war der Algorithmus von „Mnemnomics“ für eine an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ausgedachte App, die automatisch Lernsätze für kompliziert zu merkende Sachverhalte ausspucken soll.

Auch Datenapps können ziemlich ausgefeilt sein

Ausgefeilter und realistischer waren auf dem Push Wettbewerb dann schon Ideen zur Datenauswertung und dem Social Sharing, die sich im Fall von „Wishard“ von der Uni Hohenheim zum Ziel gesetzt hatten, eine Online-Plattform für Geschenkwünsche zu schaffen. „Bisherige Anbieter wissen, was die Kunden bereits gekauft haben – wir wissen was sie sich in der Zukunft wünschen“, hieß es beim Pitch selbstbewusst. Technisch weit gediehen war das Konzept von „FlickStuff“ von der Uni Stuttgart. Hier stand ein  Programm im Mittelpunkt, das in Fernsehsendungen relevante Stichworte oder Produkte entschlüsseln kann, die dann von der dazugehörigen App für den Zuschauer identifiziert werden. Der ist dann nur einen Klick auf dem Online-Bestellknopf davon entfernt, sich das gerade auf dem TV gesehene Produkt nach Hause zu bestellen. Die ziemlich weit fortgeschrittene Programmierung, die bereits auf 30 Sendern funktioniert, beeindruckte übrigens am Ende auch die Jury.
Die Brücke zwischen Datenwelt und Wissenschaft schlug das Team „ScatterBlogs“ von der Universität Stuttgart. Hier hat man schon seit mehreren Jahren in der Forschung daran gebastelt, verfügbare Informatinen auf sozialen Medien, vor allem auf Twitter, aber auch auf You Tube und Instagram so zu entschlüsseln, dass etwa der Katastrophenschutz oder Polizeibehörden oder auch Medien sofort auf einer Landkarte verfolgen können, wenn sich größere Ereignisse oder Krisen zusammenbrauen. Ein Vertreter der Hochschule Esslingen redete über eine anscheinend technologisch bereits funktionierende Folie namens „Colour Changing Surfaces“, die per Knopfdruck und Strom wechselnde Lackfarben auf der Autokarosserie ermöglichen soll. Perfekt zum Hohenheimer Ambiente passte dann das auf agrarwissenschaftlichen Forschungen fußende Projekt namens „Visioverdis“, das dank einer vollautomatischen Bewässerungs- und Düngungstechnologie die Begrünung von Fassaden perfektioniert und wartungsärmer macht.

Salomonische Preisverteilung

Am Ende wählte die Jury des Push Wettbewerbs zwischen voranstürmenden App-Innovatoren und etwas langsameren Wissenschaftlern einen salomonischen Kompromiss. Die forschungsmäßig ambitionierten Projekte von „Visioverdis“ und „ScatterBlogs“ landeten auf den Plätzen eins  und drei. Dazwischen schob sich die ohne Forschungüberbau und ganz im Strom der modernen Datenkultur sich bewegende Fernseh-App von „FlickStuff“. Der Abend bot aber auch  Lektionen, warum es in Deutschland mit der Umwandlung von Ideen in erfolgreiche Geschäftsmodelle nicht ganz so einfach ist. Jeweils 100 Millionen Dollar, so erzählte einer der Gründer von „ScatterBlogs“ hätten gerade zwei US-Startups, die sich mit ähnlichen Konzepten der Auswertung von Twitter-Daten beschäftigten, gerade eingesammelt: „Als wir das gehört haben, dann haben wir schon gedacht, dass wir unsere Idee jetzt doch mal unternehmerisch anschieben sollten.“ Doch auf dem deutschen Markt macht schon die relative Twitter-Resitenz des deutschen Publikums gewisse Probleme: „In Deutschland haben Sie acht Millionen Twitter-Nutzer – in den kleinen Niederlanden ist die Zahl mehrfach höher.“
Auch die Tatsache dass die Hochschulen der Region nicht alle möglichen zwölf Startplätze füllten, und eigentlich noch vier zusätzliche Teams im Wettbewerb Platz gefunden hätten, ist ein Beleg, dass  beim Thema Startup aus der Wissenschaft in Luft nach oben ist. Und grübeln konnten die Gründer im frühen Stadium auch darüber, wer von den drei sich bei der Veranstaltung an sie richtenden Förderprogramme für sie das richtige ist: Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, die Wirtschafts-Förderinitiative MBG Baden-Württemberg oder die Steinbeis-Stiftung? Auch das braucht wohl  Marktforschung, welche die Jurymitglieder bei allen sich präsentierenden Startups immer wieder anmahnten.

 

 

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