Ein Vormittag mit TTIP kritisch sehenden Schülern

TTIP

In der vergangenen Woche habe ich in einem Beitrag, den TTIP-Befürwortern Beine zu machen versucht. In dieser Woche hatte ich eine interessante Gelegenheit, meine Argumentation einem Praxistest zu unterziehen – nämlich vor einer Gruppe von rund 20 interessierten Schülern, die an einem Seminar der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart teilnahmen.

Das erste Meinungsbild war nicht überraschend: Bei der Auftaktfrage, wie man denn bei einer  Volksabstimmung zu dem  Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) votieren würde, stimmten 18 der 22 Schüler zwischen 14 und 20 Jahren hochmotiviert mit Nein. Spannender war das Ergebnis auf der Gegenseite: Ein höchst schüchterner zum Ja erhobener Arm. Und drei weitere, die sich noch nicht einmal trauten, sich als Enthaltungen zu melden…
Nun ist das keine wissenschaftlich fundierte Meinungsumfrage. Aber im Herzen eines Bundeslandes, wo viele auch kleinere, exportorientierte Industrieunternehmen wohl am meisten von weniger Handelshemmnissen proftieren würden, fand ich es bemerkenswert, dass es in einer  Elite politisch interessierter Schüler sogar eine Schamschwelle gibt, sich gegenüber dem Abkommen auch nur vorsichtig offen zu zeigen.  Die freiwilligen Teilnehmer hatten sich zwar nicht im Detail über TTIP informiert, aber gefiltert durch die Teilnahme an einem Wettbewerb der Landeszentrale für Politische Bildung repräsentierten sie einen sehr wachen Teil der Schülerschaft.

Ökonomisches Denken hat es an den Schulen schwer

Ich finde dies insofern symptomatisch, weil trotz aller politisch deklarierten Förderung ökonomisches Denken es an unseren Schulen immer noch  schwer hat. Beamtete Lehrer sollen über wirtschaftliche Zusammenhänge referieren – das ist nicht immer ideologiebelastet, doch häufig theorielastig und praxisfern. Für äußerst kontraproduktiv halte ich es in diesem Zusammenhang allerdings, dass Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), vor kurzem eine Zensurdebatte über eine angeblich zu wirtschaftsfeindliche, neue Publikation der Bundeszentrale für Politische Bildung anzettelte. Solch ein Getöse befördert eher die Vorurteile gegenüber wirtschaftlicher Macht, als dass es sie konterkariert. Lieber die Broschüre akzeptieren – und die Chance zum Gegenargument fordern.
Denn  manchmal fehlt es schon an den elementarsten faktischen Grundlagen. In einer Broschüre zum Thema Pro und Contra TTIP, welche die Schüler ausgehändigt bekamen, war als Pro tatsächlich angeührt, dass es nach einem Abkommen wachsende Exportchancen für europäischen Rohmilchkäse gebe. Kein Wort von Industrie, Maschinen- oder Fahrzeugbau. Dafür wurden dann die angeblichen, millionenfachen Arbeitsplatzverlute in den USA und Mexiko (!) im Gefolge des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA thematisiert. (Die unter ganz anderen Voraussetzungen, Stichwort starkes Lohngefälle, zustande kamen.)

Am Ende waren die Befürworter von TTIP ein  bisschen mutiger

Ein Erlebnis war es in der Tat, wie Schüler in einer der am meisten exportabhängigen Regionen der Welt wirtschaftliche Argumente offenbar als peripheres Kriterium empfanden. Angst um die Demokratie, Angst um gesunde Lebensmittel, ein genereller,  wutbürgerartiger Überdruss gegen „die da oben“ waren tief verwurzelt und durch Einzelargumente schwer zu knacken. Im Gegenteil – so bald es um Einzelheiten ging, kam der Vorwurf, es gehe doch ums große Ganze. Das Nein zu TTIP als Allzweckwaffe: Als Argument für direkte Demokratie, gegen eine bürokratische EU,  für eine gesündere Wirtschaftsordnung, für die Dritte Welt. Die Liste war endlos.
Nun gehört derartiges,  generell kritisches Bewusstsein selbstverständlich zu einem bestimmten Lebensalter. Doch  wie massiv ökonomisches Denken und Argumentieren abgelehnt wurden, war dann doch überraschend – und spricht für ein schulisches Umfeld, wo kaum  gegen die Anti-TTIP-Kampagne dagegengehalten wird, ob nun von Lehrern oder Mitschülern. Viele der Teilnehmer waren dabei sehr gut informiert und eloquent, allerdings holten sie sich ihre Argumente von den Webseiten der Gegner. Mainstream-Medien  genießen keinerlei Vertrauen: Sie berichteten zu wenig über TTIP, sie seien zu einseitig, zu wirtschaftfreundlich, sie seien von der Politik manipuliert. Die Tatsache, dass mir mehr positive Argumente einfielen als Gegenargumente, sorgte für ein latentes Misstrauen.
Das Ende der Mühen: Nach einem langen, lebhaften Vormittag waren immer noch 16 Schüler strikt gegen TTIP. Aber ein größerer Erfolg  als die minimale Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse war meiner Ansicht nach die Tatsache , dass die sechs Jastimmen und Enthaltungen zumindest selbstbewusster angezeigt wurden als am Anfang.  Mein Vorschlag an die Landeszentrale für politische Bildung war deshalb, doch einmal auch Schüler-Seminare zu grundlegenden wirtschaftlichen Themen ins Auge zu fassen. Ein Veranstaltungsraum in einem Startup-Center und die Begegnung mit jungen Gründern, die gar nicht so viel älter sind als das Publikum, könnte vielleicht das Bewusstsein reifen lassen, dass Wirtschaft nicht ausschließlich aus großen, gierigen, die Menschen jetzt auch noch mithilfe von TTIP manipulierenden Konzernen besteht.

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Bild: BMWI

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