Exit Games – Gruppenspiele als Geschäftsmodell

Exit Games

Mein Kollege Philipp Obergassner hat das erfolgreiche Stuttgarter Startup Exit Games besucht. Wer hier bei den kniffligen und manchmal auch gruseligen Spielen für Gruppen mitmachen will, braucht recht gute Nerven.

Noch eine Minute, dann ist der Sauerstoff im Raum weg. Hastig tippen Cécile und Chris vier Codes in das Terminal in der Mitte der Versorgungsstation. Haben sie alle Rätsel richtig gelöst? Stimmen die Zahlenkombinationen? Zum Überprüfen bleibt keine Zeit. Kurze Stille, dann triumphale Musik. Durch die Tür kommt Roman Kirchdorfer und gratuliert: „Für ein so kleines Team wart ihr recht gut“, lobt er. Dabei hat er  ordentlich nachhelfen müssen.
Kirchdorfer ist der Spielleiter eines so genannten Live Escape Games, im Prinzip eine „Schnitzeljagd“ auf beschränktem Raum.  Dabei lassen sich die Teilnehmer in einen Raum „sperren“ und müssen innerhalb einer Stunde Rätsel lösen und Gegenstände finden, um wieder herauszukommen. Wenn es hakt, gibt der Spielleiter über einen Monitor Tipps. Es ist also alles nur gespielt; Cécile (29) und Chris (31) wären in diesem Raum nahe dem Bihlplatz in Stuttgart nicht erstickt, wenn die Codes falsch gewesen wären. Die maximal sechs Spieler sind auch nicht wirklich eingesperrt – das geht nicht aus    Brandschutzgründen.

Die Welle schwappte 2011 von Japan nach Europa

Live Escape Games sind in der Freizeitbranche so etwas wie das neue „Laser Tag“ – die Extremsituation als Spiel. Ursprünglich ein Online-Spiel aus Japan, schwappte die Welle im Jahr 2011 nach Europa über.  Der erste deutsche Anbieter eröffnete im August 2013 in Köln, mittlerweile gibt es mehr als 110 Räume in Deutschland und einen Bundesverband.
Für Michael Bierhahn sind Live Escape Games seine Art modernes Brettspiel. „Jeder wird zu MacGyver oder Indiana Jones“, sagt er. Bierhahn ist Gründer von Exit Games Stuttgart, einem Startup, das seit anderthalb Jahren auf dem Markt ist und mittlerweile über drei Standorte mit insgesamt neun Räumen verfügt. Auf die  Idee kam Bierhahn bei einem Escape Game in Budapest. Was als kleiner Verein mit sieben Mitgliedern und 12 000 Euro Startkapital begann, ist heute eine GmbH mit 49 Mitarbeitern.

Die Räume sind auch für Exit Games das größte Kapital

Dabei war es am Anfang nicht leicht, Investoren zu finden: „Bei Dienstleistungen sind die Steigerungsraten nicht so hoch wie in der IT, daher ist es für Investoren nicht so interessant“, sagt Bierhahn. Der Laden brummt trotzdem: Pro Woche werden nach Angaben des Unternehmens etwa 160 Spiele gespielt, vormittags buchten eher Schulen oder soziale Einrichtungen, abends Firmen und am Wochenende Familien. Ein Raum für sechs Personen kostet insgesamt 99 Euro.
Dabei gibt es ganz unterschiedliche Szenarien, beispielsweise eine ausgebrochene Pandemie, Erbstreitigkeiten in den 60ern oder die Postapokalypse im Bunker, wie sie Cécile und Chris gespielt haben. Der Blutrausch-Horroraum sei nichts für Zartbesaitete, sagt Bierhahn, „da fließen 20 Liter Kunstblut.“ Die verschiedenen Räume mit ihren Rätseln sind das Kapital des Unternehmens; so einen Raum einzurichten koste etwa 40 000 Euro, sagt Bierhahn.  Stuttgarter Game-Design-Studenten helfen beim Storytelling und den Rätseln.

Große Escape Events sind der nächste Schritt

Bierhahns Unternehmen ist weiter auf Expansionskurs: Seit November bietet es mobile Exit Games an. Wer will, kann also auch zu Hause oder im Büro den Bombenentschärfer spielen. In München, Nürnberg und Würzburg konnte Bierhahn Franchise-Partner für seine Räume gewinnen. Der nächste Schritt seien dann Escape Events, also groß angelegte Spiele, die eine ganze Stadt als Spielfläche haben und über mehrere Wochen gehen. Marken-Räume, beispielsweise zu Filmen wie „28 Days later“ oder „50 Shades of Grey“ gebe es auch bereits. Wer aber nicht die Lizenzgebühren zahlt, bekommt schnell eine Abmahnung.
Das „Einsperren“ als Geschäftsmodell funktioniert so gut, dass die Exit Games in Stuttgart mittlerweile Konkurrenz bekommen haben: seit September bietet Enmaze in der Innenstadt ebenfalls ein Live Escape Game, hier auch buchbar als Party-Paket mit Bier oder Sekt.   Die postapokalyptische Rätselknackerin Cécile jedenfalls ist angefixt: „Ich hab’ meiner Familie zu Weihnachten ein Exit Game geschenkt.“ Passenderweise den 60er-Raum mit dem Erbstreit.

———————————————————-
Bild: Exit Games

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*