Ohne Fehlerkultur keine Innovation

Fehlerkultur

Immer mehr Firmen  setzen laut einer  aktuellen Umfrage der Managementberatung Metaberatung auf eine offenere Fehlerkultur. Denn wer Fehler machen darf, ist innovativer. Doch die Umsetzung fällt gerade Führungskräften noch schwer.

Adrian Thoma probiert gerne aus. Der Stuttgarter hat bereits einige Firmen gestartet und erfolgreich positioniert. Das jüngst mitgegründete Unternehmen Pioniergeist trägt Thomas Anspruch bereits im Namen: Er will Neues wagen, neue Produkte positionieren, frische Geschäftsideen finden. Eines davon ist das Innovationsprogramm Acitvatr, bei dem erfahrene Existenzgründer und Mitarbeiter von Traditionsunternehmen gemeinsame Sache machen sollen, um neue Geschäftsmodelle, Technologien und Märkte zu finden. „Man kann voneinander lernen und gemeinsam die Dinge groß machen“, sagt Thoma. „Unternehmen können zum Beispiel von Start-ups lernen, frühzeitig Produkte zu testen und mehr auszuprobieren. Dabei gehört auch dazu, Fehler zu machen – diese Fehlerkultur ermöglicht Lernerfahrungen.
Lernkurve, Fehlertoleranz – Begriffe wie diese finden unter Führungskräften immer mehr Zuspruch. Gerade bei traditionellen Unternehmen. Sie hoffen, innovativer zu werden, indem sie die Arbeitsweisen von erfolgreichen Existenzgründern analysieren. Dazu nehmen sie in Kauf, dass mehr Fehler gemacht werden dürfen, um Neues zu er­proben. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage der Management-Beratung Metaberatung glauben rund 60 Prozent der befragten Fach- und Führungskräfte deutscher Wirtschaftsunternehmen, die Firmen sollten gezielt daran arbeiten, mangelnde Risikobereitschaft zu überwinden und eine Kultur der Fehlertoleranz zu etablieren. „Kreative und mutige Persönlichkeiten sind in einem Wirtschaftsunternehmen unverzichtbar, um die neuen Herausforderungen der digitalen Transformation konkret anzupacken“ sagt Metaberatung-Geschäftsführer Rainer Neubauer. Er kritisiert, dass die Umstellung auf eine Arbeitsweise, die mehr Fehler zulasse, stocke. „Im Gegenteil: Die Verursacher von Fehlern riskieren, schnell dafür verurteilt zu werden.

Ist die Fehlerkultur manchmal nur ein Lippenbekenntnis?

Das Problem kennen auch Arbeitsforscher. Gerade Führungskräfte stünden selbst unter Druck, keine Fehler machen zu dürfen, heißt es beim Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO.) „Sie sind in einer Sandwich-Position. Sie sollen nach unten predigen, dass Fehler gemacht werden dürfen, aber müssen die Vorgaben ihres eigenen Chefs erfüllen“, sagt Arbeitsforscher Antonio ­Ardilio. Besonders kleinere Unternehmen hätten es schwer, mehr Innovationen nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ zuzu­lassen. „Sie haben oft nur einen Schuss ­frei. Deshalb ist der Druck auf die Führungskräfte enorm.
Marika Lulay, Topmanagerin des ­Stuttgarter IT-Finanzdienstleisters GFT, sieht auch bei großen Unternehmen noch Nochholbedarf – und schließt die Traditionsbranchen Automobil- und Maschinenbau dabei ein. „Je größer ein Unternehmen ist, desto stärker sichern sich die Ent­scheider ab. Sie dürfen keinen Fehler machen oder genauer: Er darf ihnen nicht nachgewiesen werden“, sagte Lulay vor Kurzem. „Bei solch einer Kultur werden es vor allem nur Ideen schaffen, die andere auch haben.
Deshalb fordert auch der IT-Branchenverband Bitkom eine tolerantere Fehlerkultur und ein schnelleres Tempo, um in  puncto Innovation nicht die Rücklichter der Konkurrenz zu sehen. Innovationen müssten in allen Bereichen schneller in Produkte umgesetzt werden, sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Ein Unternehmen wie Tesla kann seine Autos über das Internet durch Updates mit neuen Funktionen wie der Einparkhilfe oder Fehlerkorrekturen versorgen. Traditionelle Autobauer dagegen bauen Verbesserungen in die nächste Wagengeneration ein oder müssen die Fahrzeuge vom Kunden auch dann für viel Geld in die Werkstätten zurückrufen, wenn es nur um Software-Updates geht.
Das sieht ein Autobauer wie Porsche weniger dramatisch. „Generell gilt bei der Innovationssuche, dass bei  jedem Vorschlag das Risiko des Scheiterns durchaus erwünscht ist“, sagt ein Sprecher.  Unter anderem mit dem Porsche-Verbesserungsprozess habe man ein geeignetes Mittel im Haus, „permanent den Status quo zu hinterfragen und immer wieder neue Ideen einzubringen“. Werden die deutschen Unternehmen also doch noch Fans der Fehlerkultur, wie sie vor allem in US-Unternehmen praktiziert wird? Adrian Thoma sieht es pragmatisch. Wenn es um neue Geschäftsmodelle gehe, bleibe nichts anderes übrig, als Dinge auszuprobieren. „Wenn es aber um Bremsscheiben für Automobile geht, wünsche ich mir als Kunde null Fehlertoleranz.“

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