Fundstück aus der Internet-Frühzeit

InternetApple Macintosh LC 520 von 1993; Bild: Shrineofapple

Bei meinen Recherchen zu einem Text über 20 Jahre Ebay für die Stuttgarter Zeitung bin ich auf ein für mich amüsantes Fundstück gestoßen: Mein allererster Leitartikel über das Internet vom 2. Februar 1996, der meiner Erinnerung nach auch der erste zum Thema auf der Seite 1  der Stuttgarter Zeitung war. Das sind zwar noch keine 20 Jahre, aber ein wenig historisch ist er trotzdem. Weder gedanklich noch stilistisch halte ich den Text für ein besonders gelungenes Stück – aus dem  Duktus spricht eher ein wenig Verwirrung darüber, was ich denn von dem in Deutschland gerade zum Massenphänomen gewordenen  Netz halten sollte.  Dennoch ist erstaunlich, dass die Fragen, die darin auftauchen, genau dieselben sind wie heute. Nur war für mich damals unvorstellbar, wie radikal durch das Internet  das ganze menschliche und gesellschaftliche Leben tatsächlich umgekrempelt würde. Voilà:

Menschen im Computernetz

Von Andreas Geldner

Noch sind die Menschen nicht ausgestorben, die einigermaßen ratlos die Ohren spitzen, wenn in der Stadtbahn zwei Dreikäsehochs über die Vor- und Nachteile ihrer neuen CD-Rom diskutieren. Immer noch reiben sich die meisten die Augen, wenn sie hören, daß es so etwas wie Internet-Cafés geben soll, wo man einander nicht mehr ansieht, sondern gemeinsam auf einen Bildschirm blickt und „im Netz surft“. Was haben die Fingerübungen an der Computermaus mit Sommer, Sonne und Brandung zu tun, die man doch bisher mit Surfbrettern assoziierte? Was passiert denn da? Wer verpaßt hier etwas?

Wenn der erfolgreiche Software-Unternehmer Bill Gates fast wie der Messias eines neuen Zeitalters auftritt, hört ihm inzwischen die ganze Welt zu. Manche warteten im vergangenen Jahr auf ein in seinem Hause entwickeltes und mit einer beispiellosen Kampagne lanciertes neues Computerprogramm fast wie auf eine Erleuchtung. Die Propheten von Datenautobahn, Multimedia und Internet sehen sich schon längst nicht mehr nur als erfolgreiche Techniker oder Geschäftsleute: Nein, nichts weniger als eine totale Veränderung unserer Lebensgewohnheiten, unserer Arbeitsplätze, ja unseres Bewußtseins preisen sie mit mehr oder weniger religiösem Eifer an. Das verschafft den einen das Gefühl, dynamische Trendsetter zu sein, während den anderen der Stempel „Dinosaurier des Informationszeitalters“ aufgedrückt werden kann. Werden ein paar Computermuffel also irgendwann einmal die letzten sein, die in einen verwaisten Supermarkt gehen, während ringsum alle Nachbarn ihre Einkäufe per Knopfdruck erledigen? Dem Internet und der schönen neuen Datenwelt entkommt jedenfalls keiner, auch wenn er zu Hause keinen Netzanschluß hat – und mancher kann angesichts von soviel Umbruch das Stichwort schon gar nicht mehr hören. Daß der neue, superschnelle und scheinbar grenzenlos freie Datenaustausch über die Computernetze auch ethische und manchmal sehr menschliche Probleme aufwirft, hat vielen erst die Debatte darüber deutlich gemacht, ob und wie man verhindern soll, daß dort auch moralischer Schrott abgeladen wird. Idealistische Netzpioniere fürchten schon heute, daß sie ihre Vision von der freien Information für alle bald nicht mehr wiedererkennen werden.

Erst allmählich rückt dabei in den Mittelpunkt, daß die Techniker uns zwar Speicherplätze zur Verfügung stellen, aber daß die Inhalte der „Informationsrevolution“ weiterhin in menschlichen Gehirnen verarbeitet werden. Wer sich in das Spinnengewebe der Netze begibt, stellt zudem fest, wie leicht man sich darin verheddert. Begeisterte Netzsurfer scheinen über einen großzügigen Telefonetat und über eine andere, unbegrenzte Ressource zu verfügen – über Zeit. Normalbürger, so scheint es, sind ins Knöpfchendrücken noch nicht so sehr verliebt. Sogar bei so ehrgeizigen Projekten wie der Datenautobahn für Stuttgart kommt man zur gar nicht so überraschenden Erkenntnis, daß viele potentielle Nutzer sich damit begnügen, während des Fernsehens mit ihrem Kühlschrank anstatt mit einer über 500 Kommunikationskanäle regierenden Sendezentrale zu interagieren. Auch wenn Computergurus wie der Amerikaner Nicholas Negroponte schon „viele Selbstverständlichkeiten des europäischen Lebensstils“ in der neuen Welt der Kommunikation für überholt halten, zeigt sich hier ein gewisses Beharrungsvermögen. Bei der Frage, ob durch die neuen Informationstechniken Arbeitsplätze geschaffen, verlagert oder vernichtet werden, wird das Kalkül nüchterner sein. Vor der Hoffnung, daß über die Datenautobahn viele Arbeitsplätze ins Land kommen, warnen inzwischen die Experten. Sie prophezeien eher, daß sie zur Einfallstraße für einen scharfen globalen Wettbewerb werden könnte.

Nach Monaten mit sich überschlagenden Meldungen über neue Sensationen im Cyberspace ist es deshalb an der Zeit, den Mythos Computernetze realistischer zu sehen. Ein expandierender Markt bedeutet noch lange keine bessere Welt, wie es uns manchmal weisgemacht wird. Die inzwischen zum Konsumgut mutierte Datenmaschine Computer hat mit dem Schlagwort von der Informationsgesellschaft nur wieder etwas von ihrer ursprünglichen magischen Aura bekommen, die sich im alltäglichen Gebrauch schon etwas verflüchtigt hatte. Für denjenigen, der sich einmal durch die Techno-Zauberformeln der Computerhandbücher gearbeitet hat, wird schließlich auch der PC zum schlichten Werkzeug. Oder starren Sie auf Ihren billigen Taschenrechner heute noch ebenso fasziniert wie zu Anfang der siebziger Jahre? Die Zeiten, in denen das unbekannte Wesen Computer noch als gefährliches Datenmonster an die Wand gemalt werden konnte, sind glücklicherweise ebenfalls vorbei. Gerade deshalb möchte man heute gelegentlich dazwischenrufen: Vor jedem Zugang zur Datenautobahn sitzt ein Mensch!

Stuttgarter Zeitung, 2.2.1996

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