Community-Gefühl auf dem Podium bei GFT

GFTBeim "Kamingespräch" (v.l.n.r.): FDP-Vorsitzender Christian Lindner, Moderator Adrian Thoma, GFT-Chef Ulrich Dietz und Patrick Luik von Code2Order; Foto: Geldner

Der Stuttgarter IT-Dienstleister GFT hat unter der Überschrift „Ländle der Tüftler, Denker und Startups?!“ zu einer Podiumsdiskussion über den Startup-Standort Baden-Württemberg geladen.  Man demonstrierte das stark gewachsene Selbstbewusstsein der Gründer-Community.

Sitzen vier Entrepreneure auf dem Podium und reden über Unternehmertum…. Herausgekommen ist bei dem IT-Dienstleister GFT in Stuttgart kein Witz, aber doch – wenig überraschend – ein sehr einmütiges Bekenntnis zum Gründen als Lebensform. Als Stargast dabei war der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner, der auf Wahlkampftour durch Baden-Württemberg natürlich gerne die Gelegenheit ergriff, das Thema Startups als eines der Lieblingsthemen der Liberalen zu präsentieren. Zwischen ihm, dem bereits 1987 zum Gründer gewordenen Chef von GFT, Ulrich Dietz  sowie Patrick Luik, vom Startup Code2Order und dem Moderator Adrian Thoma, der in Baden-Württemberg den Bundesverband Deutsche Startups vertritt, flog das  „Startup-Du“ in (fast) alle Richtungen hin- und her.
Das Fragezeichen beim Veranstaltungstitel wäre deshalb wohl nicht nötig gewesen. Spannend oder gar strittig waren weniger die  von allen Beteiligten gerne wiederholten Forderungen nach weniger Bürokratie, einem besser an die Startup-Gegebenheiten angepassten Mindestlohn oder einem Ausbau der digitalen Infrastruktur. Aufschlussreich war eher, was die Beteiligten über ihr Selbstverständnis als Unternehmer berichteten – und über den sich anbahnenden, positiven Wandel des Gründer- und Unternehmensbildes in Deutschland, bei dem das Scheitern weniger als Makel gilt als früher.

Das Verständnis für Gründer wächst

Patrick Luik von Code2Order, das ein System fürs Smartphone anbietet, worüber in Hotels und Gaststätten Bestellungen getätigt werden können, sprach von einer starken Rückendeckung in der Region, auch wenn seine 90-Stunden-Woche den Abschluss des Studiums nicht leichter gemacht habe: „Wir sind hier Zuhause, hier stimmt das Umfeld“, sagte er auf die Frage, warum sich sein Unternehmen auf dem Stuttgarter Startup-Campus Code_n Spaces bei GFT niedergelassen habe. Nur seiner These, dass Stuttgart ein Ort sei, wo man im Gegensatz zu Berlin nicht nur auf rasantes Wachstum schiele, sondern auf Nachhaltigkeit achte, gab ihm der aus Nordrhein-Westfalen stammende Lindner ein wenig Contra: „Wir brauchen Gründer, die Risiken eingehen. Wenn von hundert Gründungen nur zehn zum Erfolg führen, dann ist das auch in Ordnung.“
Es brauche nicht nur bessere staatliche Rahmenbedingungen, sondern auch einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft, um Gründer zu ermutigen. Lindner spricht aus Erfahrung. In der Zeit des so geannnten Dot-Com-Booms um die Jahrtausendwende hat er  selber schon ein Unternehmen in den Sand gesetzt. Das war eine Tatsache, über die er in früheren Jahren nicht so gerne sprach. Doch spätestens seit einer leidenschaftlichen Rede über das Thema Scheitern im nordrhein-westfälischen Landtag geht er offen und selbstbewusst mit dem Thema um. Auch das ist ein Indiz dafür, dass ein gewiefter Politiker wie er erspürt, dass die Gesellschaft für solch eine Geschichte offener geworden ist.
Eine Prise mittelständischer Bodenständigkeit brachte GFT-Chef Dietz in die Debatte ein. Es sei natürlich verständlich, wenn man als junger Unternehmer über bürokratische Erfordernisse stöhne, sagte er: „Aber ich sage Ihnen aus Erfahrung: Bürokratie wird Sie ihr Leben lang begleiten. Und wenn jemand davon überfordert ist, dann sollte er vielleicht nicht gründen.“ Dennoch stimmten er und die übrigen Teilnehmer überein, dass insbesondere  in den  Finanzämtern das Verständnis für die besonderen Gegebenheiten eines Startups fehle. Kaum habe man wegen der Anlaufverluste die ersten 1000 Euro Umsatzsteuererstattung beantragt, schon sei ein Buchprüfer ins Haus gekommen, berichtete Patrick Luik.

GFT-Chef Dietz: Unternehmer müssen Vorbild sein

Unternehmer sein, sei  eine Lebensform, sagte Dietz  – und da dürfe man über Hindernisse oder viel Arbeit nicht klagen. Wer im übrigen wolle, dass einem Unternehmer das Geld gegönnt werde, das er sich hart erarbeitet habe, der müsse auch in schwierigen Zeiten ein Vorbild sein: „Wenn sie von Mitarbeitern Opfer verlangen, dann dürfen sie sich nicht gleichzeitig einen Porsche kaufen“, sagte Dietz. Er habe sich während der Finanzkrise einen Golf zugelegt. Dietz begnügte sich mit knappen Forderungen: „Dieses Gesetz ist einfach Unsinn“, sagte er etwa ohne langen Kommentar über Pläne der Bundesregierung, die den Verkauf von Startups steuerlich unattraktiver machen könnten.  Mehr Einnahmen werde das dem Staat doch gar nicht bringen: „Wer sich von solch einem Gesetz behindert fühlt, gründet  in der Schweiz oder anderswo.“
Und so wurde die Veranstaltung am Ende nicht zu einer Lobbybühne, auch wenn der FDP-Chef Lindner natürlich die zentrale Wahlkampfforderung nach einem massiven Ausbau der digitalen Infrastruktur unterbrachte: „Das dürfen sie nicht einem Monopolisten wie der Deutschen Telekom überlassen.“ Die baue statt zukunfsträchtiger Glasfaserkabel lieber ihre Kupferkabel aus. Das erste politische Event in den Code_n Spaces bei GFT sprach vielmehr für ein neues, selbstbewusstes Wir-Gefühl der Gründer-Community.
Dafür standen   auch die sechs Startups des Wettbewerbs Code_n, die sich bereits  vor der Podiumsdiskussion mit ihren Unternehmen und Ideen präsentierten. Von einer alltagsnahen Stuttgarter Parkplatz-App namens Parkpocket bis zur Ulmer Firma Derivo, die hochkomplexe Big-Data-Anwendungen anbietet, die Sinnzusammenhänge zwischen disparaten Datengruppen herstellen, wurde deutlich, was für ein vielfältiges Feld für Gründer im IT-Bereich sich zurzeit auftut.

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