MWC 2016/3: Der Körper als Datenquelle

MWC; GeeksmeDie Liebes-Uhr aus Spanien; Foto: Geeksme

Von der Erfassung sexueller Aktivität über medizinische Anwendungen bis zum Fangespiel – der Mensch und seine allgegenwärtige Elektronik verschmelzen immer mehr, wie  der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona demonstriert. 

Sex per Datenanalyse? Es ist nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die zuerst von Fitnessfanatikern genutzten smarten Bewegungs-, Kalorien- und Fitnessmessgeräte sich  einer  speziellen menschlichen Körperfunktion zu widmen beginnen. „Love on“, heißt die Funktion welche das spanische Start-up Geeksme auf dem MWC in Barcelona  für seine smarte Uhr anpreist: „Nun können Sie privat und vertraulich überprüfen, wie oft sie Sex hatten, wie lange, wie viele Kalorien sie dabei verbrennen und die Intensität“.
Gedacht ist das anscheinend  für Menschen, die dabei die Übersicht zu verlieren drohen – und  für (spät-)pubertierende, technische Spielernaturen. Wer will, kann nämlich seinen Freunden  als Trophäe auch je nach Aktivität von  der Uhr generierte Tiersymbole übermitteln. Der technische Fortschritt stößt hier auf uraltes männliches Imponiergehabe.

Noch sind Wearables auf dem MWC ein Nischenprodukt

Doch so sehr das Smartphone in den vergangenen Jahren das Verhältnis des Menschen zur Kommunikation revolutioniert hat, so sehr dürfte das kommende Jahrzehnt im Zeichen einer technologischen Neuvermessung des menschlichen Körpers stehen. Noch sind die etwa am Handgelenk getragenen smarten Geräte, die so genannten Wearables, ein Nischenprodukt.  Selbst der Trendsetter Apple laboriert noch mit zu geringen Akkulaufzeiten. Doch die tragbaren Geräte, die eine  noch nie dagewesene Dauerbeobachtung des eigenen Körpers ermöglichen,  beginnen den Markt der  körperfixierten Sport- und Fitnessfanatiker zu verlassen. Der US-Hersteller Motorola demonstriert auf dem MWC beispielsweise unter einem neuen Markennamen drahtlose Ohrhörer und tragbare Videokameras.  Sie erlauben es, permanent auf Sendung und Empfang zu sein und alles im Sichtfeld per Video aufzunehmen. Mit einer Babyfon-Funktionen richtet man sich verstärkt an Familien.
Doch Taktgeber dürften kommerzielle Anwendungen werden. In Barcelona diskutierten Experten  darüber, wie solche Geräte die Produktivität und die Sicherheit am Arbeitsplatz verbessern könnten. Die Datenhandschuhe des    bei der Podiumsdiskussion teilnehmenden Münchner Start-ups Pro Glove beispielsweise ersparen es, Produktions- oder Lagerarbeitern  einen Scanner in die Hand zu nehmen. Alle relevanten Daten werden erfasst, während man mit beiden Händen weiterarbeiten kann. Aber auch im Gesundheitsbereich eröffnet die Technologie völlig neue Möglichkeiten. Auf dem MWC findet ein eigener Gesundheitsgipfel statt, der sich unter anderem mit den neuen  Möglichkeiten befasst, mit denen permanent Körperdaten erfasst werden können.
„Von   135 Millionen  tragbaren Elektronikgeräten, die 2015 verkauft wurden, waren nur 15 Millionen für den kommerziellen Bereich“, sagt Stuart Carlaw von der US-Beratungsfirma ABI Research. Der Anteil der tragbaren Geräte für kommerzielle Anwendungen werde aber in den kommenden fünf Jahren   auf mehr als ein Drittel steigen, während sich die Verkaufszahlen insgesamt verdreifachen dürften.
In einer ironischen Wendung könnte körpergebundene Elektronik auch zu einem Vehikel werden, das Menschen  wieder stärker von ihren Bildschirmen weglockt. Das indische Unternehmen Madrat Games präsentiert in Barcelona smarte Gürtel und Armbänder, die Kinder dazu ermuntern sollen, damit vor allem  draußen zu spielen. Mit einer Superhelden-Ausrüstung zum Umschnallen sollen die Spieler nicht nur  drahtlos kommunizieren, sondern dank eines unsichtbaren  Sendestrahls  auch berührungslos Fangen spielen können.

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