MWC 2016/5: Startups aus zwei EU-Welten

MWC; GriechenlandDer griechische Stand auf dem Mobile World Congress. Estland präsentiert sich im Hintergrund gleich um Ecke. Foto: Facebook

Auf dem Mobile  World Congress (MWC) wollen sich Estland und Griechenland in das beste Licht rücken. Die Euro-Länder haben in der IT-Wirtschaft und bei der Förderung von Startups gegensätzliche Strategien.

Es gibt Länder, die sind stolz auf die Rekorde ihrer Sporthelden. Reite Vorbiten, die auf dem MWC in Barcelona für Estland wirbt, kann eine andere Rekordzahl nennen: „Die schnellste Unternehmensgründung bei uns hat 18 Minuten gedauert“, sagt sie.  Doch nicht nur die Bürokratie ist effektiv, es gibt auch ein weltweit einmaliges Gründer-Projekt. „E-Residency“, also „elektronischer Wohnsitz“, heißt das Ende 2014 eingeführte Angebot an globale Entrepreneure. Jeder der bereit ist, 100 Euro Verwaltungsgebühren zu investieren und sich einem Hintergrundcheck  unterzieht, kann nach Erwerb der „E-Residency“ in Estland ein Unternehmen gründen. Für die elektronische Aufenthaltserlaubnis muss der Bewerber bei einer estnischen Botschaft oder einem Konsulat vorsprechen. Von da an funktioniert alles online.
Zwar schaffen die Esten bei Ausländern nicht wie bei Einheimischen eine Firmengründung binnen Minuten. Aber sie versprechen, dass alle Formalitäten binnen eines Tages erledigt sind. Estland bietet damit das schnellste Ticket, um in der EU eine Geschäftsadresse zu bekommen und eine Bankverbindung einzurichten. Der Unternehmensgründer bleibt in seinem Heimatland weiter steuerpflichtig. Aber er kann von jedem Ort der Welt aus seine Geschäfte in Estland führen.

Estland ist eines der am meisten digitalisierten Länder der Welt

Das baltische Land rühmt sich, einer der am meisten digitalisierten Staaten weltweit zu sein. Ob Unternehmensgründung, Wahlen oder Steuererklärung – alles läuft elektronisch. „Ich weiß gar nicht mehr, wie man eine Unterschrift unter ein Papierdokument setzt, sagt Vorbiten. Die Abdeckung mit ultraschnellem mobilen Internet beträgt 99 Prozent. Das kleine Land hat schon große globale IT-Firmen hervorgebracht: Die Software für den Internet-Telefondienst Skype wurde hier entwickelt. Auch der globale Bezahldienst Transferwise hat hier seinen Ursprung. Im Vergleich zur Bevölkerungszahl hat Estland die höchste Gründerquote Europas. Die „elektronische Residenz“ soll den Gründerstandort international noch attraktiver machen.
Für kleine Länder innerhalb Europas eröffnet die grenzenlose Online-Ökonomie vollkommen neue Möglichkeiten. Estland hat sie aggressiver genutzt als andere und ist weltweit zum Vorbild geworden. Singapur will inzwischen das estnische Modell der E-Residency imitieren. „Kopiert zu werden ist das größte Kompliment – das ist wie bei einer App“, sagt Vorbiten.
Wie unterschiedlich europäische Länder ihre Chancen in der IT-Wirtschaft nutzen, zeigt in Halle 7 des MWC der Blick zum Länder-Stand direkt gegenüber. Dort versucht Griechenland gegen das Krisenimage anzugehen und stellt sich als Land dar, in dem die Not erfinderisch macht. „Wir haben doch gar keinen anderen Ausweg, als neue Wege zu gehen“, sagt Sprecher Yannis Rizopoulos über die Gründerkultur im Land. Doch während in Estland der Gründergeist Staatsräson ist, können die griechischen IT-Unternehmen von estnischen Verhältnissen nur träumen.

Bei der Bürokratie kann Griechenland  das Rennen nicht aufnehmen

Mit null Prozent Steuern auf reinvestierte Gewinne und im Rekordtempo zu erledigenden Formalitäten kann Griechenland nicht konkurrieren. „Unsere Bürokratie ist  ein Problem“, sagt Rizopoulos offen. Doch es gebe einen ausgeprägten Willen, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen – eine Voraussetzung für Gründergeist. „Es gibt dazu bei uns keine Alternative“, sagt er. Und so sind für talentierte junge Griechen, die nicht das Land verlassen wollen, Unternehmen aus der IT-Branche attraktiv: „Wegen der hohen Arbeitslosigkeit haben wir ein Reservoir von Arbeitskräften, die für niedrigere Löhne als anderswo zu arbeiten bereit sind.“ Die im eigenen Land geübte Fähigkeit, sich auf schwierige Verhältnisse einzulassen, habe in Barcelona zu mehreren Abschlüssen mit afrikanischen Kunden geführt, sagt Rizopoulos.
Wie eine griechische Nische in der Digitalwelt aussehen kann, beschreibt Georgios Kountouriotis vom Unternehmen Creev. Man offeriert Edel-Smartphones zu günstigen Preisen. Gefertigt werden sie zwar in China. Doch alles andere ist made in Griechenland – insbesondere auch ein  intensiver Kundendienst. Während  Elektronikhändler unter den harten, die Margen fressenden Konditionen der Großen der Branche stöhnen, bietet man   kleineren und mittleren Händlern eine faire Partnerschaft.  Um große Märkte zu erobern, fehlt das Kapital. „Deutschland werden wir sicher als letztes angehen“, sagt Kountouriotis. Nach Griechenland, Zypern und Malta steht nun der Schritt nach Spanien bevor. In Großbritannien gibt es bereits  einen Online-Vertrieb.  Es sind häufig nur eine Handvoll Jobs, welche die meisten der mehreren Dutzend auf dem  MWC  präsenten griechischen Mobiltechnologie-Firmen sichern. Doch jeder Arbeitsplatz zählt.

 

Infobox: Zwei europäische Welten
Estland ist etwas kleiner als Niedersachsen und hat mit 1,3 Millionen Einwohnern etwa so viele Bürger wie München. Das Bruttoinlandsprodukt ist mit 17 500 Euro je Einwohner weniger als halb so hoch wie in Deutschland. Nach der starken Rezession 2008/2009 hat die estnische Wirtschaft ihre Krise weitgehend hinter sich gelassen. Die Russlandsanktionen der EU treffen das Land allerdings hart. Estland verfolgt eine sehr liberale Wirtschaftspolitik und hatte in absoluten Zahlen Ende 2015 mit zwei Milliarden Euro die niedrigste Staatsverschuldung aller Euroländer.
Griechenland hat mit elf Millionen Einwohnern etwa so viele Bürger wie Baden-Württemberg und ist ungefähr so groß wie die frühere DDR plus Hessen. Die griechische Wirtschaftskraft erreichte Ende 2015 nach sieben Jahren Rezession mit 18 800 Euro je Einwohner nur noch eine etwas über der estnischen liegende Wirtschaftskraft. Auch wenn die unterschiedliche Zahl der Einwohner das Ergebnis etwas relativiert, kommt der Vergleich des Schuldenberges der beiden Staaten auf ein dramatisches Ergebnis. Mit mehr als 300 Milliarden Euro hat Griechenland 150mal mehr Schulden angehäuft als Estland.

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