„Entrepreneurship“ – ein deutscher Trumpf?

Entrepreneurship

Das beste Land der Welt? Das sind laut einer Studie von US News & World Report  nicht die USA, sondern Deutschland – unter anderem wegen des Unternehmergeists. Ein „reality check“.

Glaub  nur dem „Listicle“, das du selber gefälschst hat – das könnte man in Abwandlung eines Churchill zugeschriebenen Bonmots zum Thema Statistik sagen, wenn man auf die im Online-Zeitalter überall wuchernden Rangfolgen, Listen und Tabellen blickt. Und wer die jüngste in Deutschland  freudig kommentierte Adelung unserer Bundesrepublik zum besten Land der Welt richtig würdigen will, der muss wissen, dass das entsprechende US-Magazin, das in besseren Zeiten ein richtiges Nachrichtenmagazin war, sich ganz auf die Propagierung solcher Ranglisten spezialisiert ist. Die laufen im Bereich Bildung und Erziehung besonders gut. Rechtzeitig zum für  Aufmerksamkeit sorgenden Weltwirtschaftgipfel in Davos hat man nun einmal wieder eine Rangliste zu den wichtigsten Ländern der Welt publiziert. Länderrankings sind aber immer so eine Sache. Was zählt denn nun – Lebensqualität oder Bruttoinlandprodukt? Für Kenner der deutschen Gründerszene war jedenfalls ein Resultat, das Deutschland mit an die Spitze des Rankings katapultierte, doch ein wenig verblüffend. Deutschland als Nummer eins im „Entrepreneurship“? Bevor man als deutsches Startup zu sehr jubelt: „Entrepreneurship“ heißt im Englischen mehr als nur Gründergeist, wie das Wort inzwischen im  im deutschen Startup-Sprachgebrauch interpretiert wird. Es bedeutet Unternehmergeist im umfassenden Sinn. Der Applaus gilt also unter anderem auch dem deutschen Mittelstand und seinen „hidden champions“. Keine Rolle spielte offenbar, wenn man sich die Kriterienliste anschaut, die Gründerstatistik als solche. Die war nämlich in Deutschland in den vergangenen Jahren, unter anderem  bedingt durch die gute Wirtschaftslage, eher mau. Es gibt übrigens in der Umfrage ein Indiz dafür, dass dies trotz einiger auf Startups gemünzter Formulierungen im Kapitel Entrepreneurship von den wissenschaftlichen Verfassern so gemeint war: Es gibt nämlich eine verstecktere,  separate Rubrik „Best Countries to Start a Business“ – was  man nun wirklich mit „Gründen“ übersetzen kann. Hier liegt Deutschland auf Platz 19.  Die Umfrage stützte sich weniger auf harte Daten, sondern auf Wahrnehmungen von genau 16248 Menschen in 36 Ländern, von denen etwa die Hälfte laut Verfassern den „informierten Eliten“ zuzuordnen war.

Die Definition von Entrepreneurship ist entscheidend

Aufschlussreich sind beim Stichwort Entrepreneurship die Unterkategorien (auf der Webseite den Pfeil bei den Stichworten aufklappen). Was hat Deutschland bei der Kategorie „Entrepreneurship“ genau nach vorne gebracht? Es sind die sattsam bekannten, klassischen Standortfaktoren:  gute Infrastruktur (10 von 10 möglichen Punkten), solides Rechtssystem (10), Bildungsniveau der Bevölkerung (9,8), Ausbildung der Arbeitskräfte (9,6), gute Verbindungen zum Rest der Welt (9,3) und technologische Expertise (9,2).  Schlechter abgeschnitten haben hingegen die Faktoren, die man  für eine Gründer- und Startup-Kultur im engeren Sinne veranschlagen würde. Das sind:  Unternehmenskultur (8,1), Kapitalzugang (7,9), transparentes Geschäftsgebaren und  – ganz am Ende-  Innovationsgeist (7,8). Als Adelung unserer jungen, sich etwa dank eines Rekorde brechenden Kapitalzuflusses im vergangenen Jahr gut entwickelnden deutschen Startup-Kultur sollte man die Einstufung in dieser Pauschalierung also nicht lesen. Ich will aber meinerseits  nicht der  deutschen Gewohnheit verfallen, immer nur das Haar in der Suppe zu finden. Deutschland ist insgesamt im globalen Vergleich ein guter Standort, um als Unternehmer anzufangen, das sollte man bei allen berechtigten Kritikpunkten nicht vergessen. Für einen „reality check“ empfehle  ich im übrigen das in dieser Woche von mir für die Stuttgarter Zeitung mit geführte Gespräch mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister und Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Man muss seine Analyse nicht in allen Punkten teilen, dennoch legt er den Finger in einige tatsächlich existierende Wunden.

————————————–
Screenshot: US News & World Report

6 Kommentare zu "„Entrepreneurship“ – ein deutscher Trumpf?"

  1. Florian Schweer | 22. Januar 2016 um 10:46 | Antworten

    Der Verweis auf das „Kleingedruckte“ ist nicht nur eine ziemlich respektlose Bezeichnung, für die im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung definierten Kriterien, sondern lässt auch durchaus interessante Rückschlüsse auf Ihre Einschätzung der intellektuellen Fähigkeiten Ihrer Leserschaft zu. Anscheinend trauen Sie Ihren Lesern den Umgang mit Studienergebnissen und wissenschaftlichen Studien generell nicht zu, ansonsten wäre der Hinweis ja eigentlich überflüssig. Dass die Ergebnisse einem journalistischen Steigbügelhalter einer lokalen community, deren selbsternannte „Leader“ der lokalen Förderlandschaft zwar kontinuierlich die Kompetenz im Bereich der Startup-Förderung absprechen, in gleichem Atemzug aber nach mehr Unterstützung (als Synonym für monetäre Zuwendungen für die eigene Arbeit) durch diese Institutionen schreien, nicht gefallen können ist nachvollziehbar. Für meinen Geschmack einfach ein bißchen zu populistischer und billiger Journalismus und hoffentlich nicht geeignet, um sich damit nachhaltig als journalistische Instanz zu Themen rund um Digitalisierung und Existenzgründung zu etablieren. Sich an positiven Ergebnissen zu erfreuen und nicht das Haar in der Suppe (je stärker man darauf verweist es NICHT zu suchen, desto intensiver sucht man eben doch danach…) zu suchen, wäre doch einfach mal schön gewesen. Positive Nachrichten und die Erkenntnis, dass in der Vergangenheit offensichtlich doch ein paar Sachen richtig gelaufen sind, verkaufen sich aber einfach zu schlecht…

    • Andreas Geldner | 22. Januar 2016 um 10:59 | Antworten

      Guten Tag Herr Schweer,
      ziemlich heftig und persönlich attackierend formuliert („Steigbügelhalter“ etc.), zumal ich ja nur ein paar Fragen zu den Grundlagen der sehr vereinfacht wahrgenommenen Studie aufgeworfen habe. In Ihrer Antwort scheinen jede Menge andere aufgestaute Dinge mitzuschwingen, die Sie offenbar einmal los werden wollten. Aber ich lasse das so stehen, da kann sich dann jeder seine Gedanken drüber machen. (Zumal ich gestern wieder bei einer Veranstaltung weit abseits des von Ihnen offenbar nicht geschätzten „selbsternannten Leaders“ war, wo mir vielfältige Menschen die Problematik der heterogenen und nicht immer optimal abgestimmten, hiesigen Förderlandschaft geschildert haben.) Die mich verblüffende Heftigkeit Ihrer Einlassungen ist ein Beleg dafür, was für ein Wespennest die lokale Szene zu sein scheint. Schade – im Sinne aller Beteiligten.

      Dennoch: Kommentieren Sie gerne, es wäre einfach nett, wenn es etwas sachlicher ginge.

      Gruß
      Andreas Geldner

  2. Gibt es eigentlich jemanden, der sich nicht gewundert hat, dass Deutschland in diesem Ranking als Rollenmodel aufscheint? Meine erste Assoziation – die Zahlen stimmen nicht. Die Lösung des Rätsels: Die Begriffe sind verwirrend. In Deutschland setzen wir Startups mit Entrepreneurship gleich, international ist der Begriff weiter gefasst und meint Unternehmertum. Wir stehen also gut da, weil wir einen soliden Mittelstand haben, der weltweit Seinesgleichen sucht. Startups haben natürlich Aufwärtspotenzial, das sagen uns ja ausreichend andere Studien. Insofern ist das hier kein Zerreden positiver Ergebnisse und die Suche nach dem Haar in der Suppe – das ist eine Klarstellung, wo wir exzellent sind (Mittelstand) und wo wir mehr tun können (Startups).

  3. Florian Schweer | 22. Januar 2016 um 13:41 | Antworten

    Ja, bei mir ist tatsächlich über die Art und Weise Ihrer bisherigen Berichterstattung über das Baden-Württembergische und das Stuttgarter Ökosystem ein gewisser Unmut entstanden. Erst durch die Arbeit vieler Institutionen, privater Initiativen und vieler ehrenamtlicher Unterstützer hat sich in den vergangenen Jahren eine lokale Szene entwickelt, die in einem Umfeld von Weltmarktführern und einem extrem starken Mittelstand in den nächsten Jahren enormes Entwicklungspotential hat. Ein Umstand, über den Sie persönlich doch vermutlich froh sind, fußt auf dem Themengebiet Innovation & Startup doch Ihr Geschäftsmodell für Ihren Blog und Ihre Tätigkeit für die Stuttgarter Zeitung. Inwieweit Ihre Form und der durchgängige Tenor Ihrer Berichterstattung für die weitere Entwicklung der lokalen Szene unterstützend wirkt, da kann sich dann jeder seine Gedanken drüber machen. Ebenso über Ihr formuliertes Bedauern der möglichen Existenz eines „Wespennests“ in der lokalen Szene. Ein solches Konstrukt am Leben zu erhalten, daraus neuen Content und Klicks für die eigene Sache zu ziehen, ist doch ein beliebtes Stilmittel der schreibenden Zunft…

    • Andreas Geldner | 22. Januar 2016 um 13:55 | Antworten

      Mir ist ein Rätsel, wie Sie zu Ihrer Schlussfolgerung kommen, in Kommentaren, die noch Verbesserungspotenzial sehen, insbesondere für die Außenwirkung über die Region hinaus, nun ein Herunterschreiben des bisher Erreichten zu sehen. Zumal ich Ihnen jede Menge fachlich kompetenter Zeugen, weit jenseits der von Ihnen leider mit Animositäten überschütteten Akteure nennen könnte, welche diese Meinung teilen. Aber schließen wir den Dialog auf dieser öffentlichen Plattform mal ab. Ich schreibe auch gern über Ihre Sicht der Dinge. Aber bitte sachlich und ohne Personen anzugreifen. Geben Sie mir nur einen Termin. geldnerschmidt@gmail.com

  4. Ich würde – und da stimme ich der Aufbereitung von Andreas Geldner zu – zu folgender Interpretation kommen: In der Sprache des Psychologen könnte man sagen: die Hygienefaktoren (Infrastruktur, zuverlässiges und effizientes Rechtssystem, Bildungsniveau) sind vorhanden, aber bei den Motivatoren sollten wir nachlegen. Offensichtlich sind andere Länder bei den Motivatoren besser, aber dort fehlen Hygienefaktoren. Wer sich einmal im amerikanischen Arbeitsrecht – das von Bundesstaat zu Bundestaat anders ist – verheddert hat, weiß wovon ich rede.
    Was bleibt: eigentlich haben wir formal gute Voraussetzungen als Gründerstandort und das, was wir ändern müssen – da stimme ich meinem geschätzten Kollegen Andreas Kuckertz zu – dass man eigentlich mit einem überschaubarem Aufwand mehr für Startups tun könnte. Vielleicht bekommen wir ja gemeinsam 2016 etwas in Stuttgart hin. Es kommen viele schöne Ausschreibungen für Projekte, wichtig ist, dass wir alle an einem Strang ziehen!

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*