Silicon Valley: Einhörnern geht die Luft aus

Silicon Valley; Einhörner

Für die Stuttgarter Zeitung habe ich die jüngsten massiven Einbrüche bei der Bewertung von Tech-Startups im Silicon Valley analysiert. 

Der Finanzierungsboom für Technologie-Start-ups in den USA hat seinen Zenit überschritten.    Während  viele Neugründungen im Silicon Valley bisher in jeder Finanzierungsrunde neue Milliardenrekorde brachen, müssen sie  nun kräftige Abstriche machen. „Die schwindeleregende Fahrt für Technologie-Start-ups ist zu Ende“, titelte in dieser Woche die „New York Times“.  „Investoren schlagen bei den Bewertungen im Silicon Valley zurück“, schrieb  das „Wall Street Journal.“
Zuletzt wurde der Instant-Bilderdienst Snapchat  von einer massiven Herabstufung  getroffen. Der als Finanzinvestor  beteiligte Fondsanbieter Fidelity hat den Wert seiner Anteile  vom zweiten auf das dritte Quartal um ein  Viertel nach unten korrigiert. Kurz zuvor hatten Fidelity und der Finanzinvestor Black Rock den von ihnen veranschlagten Wert ihrer Beteiligungen am  Cloud-Dienstleister Dropbox bereits um ein Fünftel herabgestuft. Der Finanzdienstleister  Square musste  den Erlös für seinen in den kommenden Tagen geplanten Börsengang um mehr als ein Drittel niedriger  ansetzen als nach den Maßstäben der  letzten  Finanzierungsrunde. Drastische Abwertungen haben auch der Amazon-Konkurrent Jet.com, der Dienstleistungsvermittler Thumbtack und die Gebrauchtwagenplattform Beepi erlebt.

Noch ist es im Silicon Valley kein echter Crash

Noch ist aus dem Ende des Höhenfluges kein genereller Crash geworden. Zunächst sind es nur Wertberichtigungen in den Büchern. Weil diese Entwicklungen abseits der Börse stattfinden, ist bisher nur die exklusive Minderheit von Investoren und Hedgefonds betroffen, die direkt an Technologieunternehmen beteiligt sind. Besonders herausragende  Unternehmen wie der Fahrtenvermittler Uber sind zurzeit noch immun. Hier will man weiterhin in einer anstehenden Finanzierungsrunde den veranschlagten Unternehmenswert von 50 Milliarden Dollar bei der letzten Investorenrunde im Sommer auf bis zu 60 bis 70 Milliarden Dollar hochschrauben. </p><p>Dennoch entweicht im Silicon Valley unverkennbar die Luft aus einer Blase. Noch im Jahr 2010 gab es nur ein Dutzend Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wurden. Heute sind es fast 140 . Der Titel eines „Unicorn“ („Einhorn“) –  wie Firmen mit  mindestens einer Milliarde Dollar Unternehmenswert im Silicon-Valley-Jargon genannt werden –  gilt als so werbewirksam, dass sich immer mehr Unternehmen exakt oberhalb dieser Bewertungsgrenze tummeln. „Ich glaube dass sich das Silicon Valley und die Finanzinvestoren in einer Welt bewegen, die auf Spekulationen fußt und die so nicht aufrechtzuerhalten ist“, sagt Bill Gurley, der als Großinvestor selbst an Firmen wie Snapchat und Dropbox beteiligt ist. </p><p>Die Tücke bei den Bewertungen durch Finanzinvestoren ist nämlich, dass sie im Gegensatz zum Börsenwert nur  auf Einschätzungen von wenigen Beteiligten fußen. Sie sind lediglich Hochrechnungen des Betrages, den man  bei einem fiktiven Weiterverkauf  seiner Anteile erlösen könnte. „Jeder weiß, dass diese Bewertungen mehr eine Kunst als eine Wissenschaft sind“, sagt Mike McNamee vom Investment Company Fund, dem Verband der US-Fondsgesellschaften.

Bewertungen oft nur Pi mal Daumen

Im Gegensatz zu börsennotierten Unternehmen fehlt ein täglich   offen ausgehandelter Marktpreis. Noch stärker als im Börsenhandel gründen sich die Investorenbewertungen auf Zukunftserwartungen – vor allem auf die Hoffnung, dass die jungen Firmen einst in ihrem Segment den Markt so dominieren wie Facebook die sozialen Netzwerke oder Amazon den Online-Handel.  Die den Bewertungen zu Grunde liegenden Bilanzregeln werden oft sehr freihändig interpretiert. Junge Firmen  entgehen  mühsamen Transparenzpflichten  wie einer detaillierten Quartalsberichterstattung. Beim Einstieg von Finanzinvestoren können sie auch davon ausgehen, dass diese einen längeren Atem haben, bevor sie Kasse machen wollen. Viele von Finanzinvestoren mit schwindelerregenden Milliardenbeträgen veranschlagte Unternehmen weisen noch keine nachhaltigen Gewinne aus. Das gilt selbst für  Uber.
Doch die Immunität vieler Firmen vor Wertabschlägen  ist dann vorbei,  wenn sich nicht mehr nur private Investoren, sondern Fondsgesellschaften direkt an ihnen  beteiligen.  Anders als diskrete, private Miteigentümer sind diese öffentlichen Fonds rechtlich gezwungen, den Wert ihrer Beteiligungen in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und eventuelle Wertberichtigungen öffentlich zu machen.

INFOBOX – Direkte Investments statt Börsengang 
Lange galt ein erfolgreicher Börsengang als Königsdisziplin für Technologieunternehmen, die für ihre Welteroberungspläne frisches Kapital brauchten. Doch selbst so dominierende Firmen wie Facebook konnten erst nach einem holprigen Börsenstart  ihre Aktionäre überzeugen. Der Kurznachrichtendienst Twitter ist hingegen ein aktuelles Beispiel, wie dahindümpelnde  Börsenkurse ein Unternehmen unter Druck setzen können. Immer mehr Firmen im Silicon Valley haben deshalb in den vergangenen Jahren versucht, frisches Kapital direkt von Investoren einzusammeln. Laut einer Untersuchung des Analysedienstes Pitchbook warten  US-Unternehmen heute  7,7 Jahre, bis sie nach der ersten Finanzierungsrunde an die Börse gehen – 2011 waren es durchschnittlich nur  5,8 Jahre.
Für den Finanzmarkt ist die Entwicklung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wird es für einfache Aktionäre immer schwieriger, von Anfang an bei großen Erfolgsgeschichten dabei zu sein. Die Gewinnchancen reduzieren sich auf einen kleinen Pool schwerreicher Investoren. Andererseits sind dadurch bei einem massiven Zusammenbruch der Bewertungen geringere Erschütterungen für die Gesamtwirtschaft zu erwarten als dies beim Platzen der so genannten Internetblase nach der Jahrtausendwende der Fall war.

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Bild: Wikipedia

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