Silicon Valley/Dreamforce-Tagebuch Teil 2: Menschheitsretter

Silicon Valley

Geld verdienen – beziehungsweise irgendwann einmal verdienen wollen – damit können sich die überehrgeizigen Firmen von der US-Westküste  nicht begnügen. Es muss im Silicon Valley  immer noch gleich eine bessere Welt sein, eine Utopie menschlicher Wahlfreiheit und Perfektionierung. Der religiös-missionarisch vorgetragene, und manchmal womöglich tatsächlich geglaubte Überbau bei der Rechtfertigung des eigenen Geschäftsmodells ist eine der  Impressionen, die ich  auf einer im Rahmen der Digitalkonferenz Dreamforce organisierten Journalistentour durch das Silicon Valley mitgenommen habe. Die Designsoftware-Firma Autodesk, der Fitnessarmband-Anbieter Fitbit und der Fahrdienst Uber sind  schon lange keine Startups mehr. Sie  residieren entgegen des Klischees nicht im Silicon Valley, sondern im Herzen von San Francisco. Ubers Unternehmenszentrale  liegt damit im  Herzen einer Stadt, die von dem innovativen Fahrdienst inzwischen dominiert wird. Das hemdsärmelig expandierende Unternehmen hatte genügend Kleingeld, um sich für ein besseres Image den Strategen des Obama-Wahlerfolgs David Plouffe  einzukaufen. Und der entfaltete vor der internationalen Presse die Utopie des flexiblen Uber-Fahrers, der doch eigentlich nichts lieber tue, als etwa um einen Arzttermin oder rund ums Abholen der Kinder ein paar pekuniär lukrative Fahrstunden zu drapieren. „Unsere Fahrer fordern keine Regulierung“, sagte Plouffe, der eine aktuell eingereichte Klage in Kalifornien, bei der Uber-Fahrer den Angestelltenstatus einklagen wollen,  lässig wegwischte. Wenn man dem Ober-Evangelisten zuhörte, hatte man fast den Eindruck, als sei Uber eine humanitäre Einrichtung. Wenn eine Stadt kein Geld für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs hat? Einfach Uber machen lassen. Man sei keine Konkurrenz, sondern nur eine Ergänzung zu Taxis – und letzlich rette man sogar Menschenleben: „Junge Leute setzen sich dank Uber nicht mehr mit Alkohol ans Steuer.“  Dagegen wirkte die Präsentation des Fitnessarmandanbieters Fitbit geradezu bescheiden. Da will man nur graduell die Lebenserwartung der neunzig Prozent der Menschheit verbessern, die bisher von Fitnessprodukten nicht erreicht werden. „Wir wollen, dass jeder eine Chance auf ein gesünderes Leben hat“, sagte der Finanzchef Woody Scal. Man müsse nur Fitbit die Tag und Nacht ermittelten Körperdaten überlassen. Dann kommen maßgeschneiderte  Fitnesstipps direkt aufs Armband – allerdings, wie Scal auf Nachfrage einräumte, auch die entsprechenden Marketing-Mitteilungen, die dem Kunden die neuesten Fitbit-Produkte nahe bringen. Und Autodesk? Hier ist man laut der Inschrift in der kleinen Firmenausstellung damit zufrieden, den kreativen Prozess zu feiern,  „bei dem die Menschen neue Technologien nutzen, um eine neue Welt zu imaginieren und sie dann zu designen und zu erschaffen.“

Hier noch der Link zu meinem Feature für die Stuttgarter Zeitung, das sich aus anderer Perspektive mit der Frage auseinandersetzt, ob der Kult um die IT-Visionäre in den USA zu bröckeln beginnt.

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