Twitter wird zehn – und kann nicht feiern

TwitterDer Twitter-Börsenkurs; Screenshot: Google

Der Kurznachrichtendienst Twitter feiert sein erstes rundes Jubiläum. Doch beim Blick auf die Börse und das in jüngster Zeit stark verlangsamte Wachstum der Nutzerzahlen wird die Feierlaune allerdings erheblich gebremst.

Nur 24 Zeichen gab Mitbegründer Jack Dorsey am 21. März 2006 bei Twitter ein und schickte sie um die Welt. „Just setting up my twttr“ („Ich richte nur mein twttr ein“), lautete die erste Kurznachricht in dem sozialen Netzwerk. Damals verzichtete dieses noch auf die Vokale im Namen. Zehn Jahre später veröffentlichen 320 Millionen aktive Nutzer jeden Tag rund 500 Millionen solcher Nachrichten. Für manche ist der Kurznachrichtendienst eine Revolution, vergleichbar mit der Erfindung des Telefons.
Das zehnjährige Bestehen von Twitter könnte also Anlass für eine große Party sein. Richtige Feierlaune wird jedoch nicht aufkommen. Dafür sind die Zahlen zu rot. Der Pfeil an der Börse zeigt zu deutlich und zu lange schon nach unten. Und die Nutzerzahl stagniert.
Ursprünglich wollte die Firma Odeo in San Francisco nur einen Audiodienst für das Internet aufbauen. Ganz nebenbei schlug der Entwickler Jack Dorsey vor, regelmäßige Statusmeldungen an alle Teammitglieder per SMS zu senden. Daraus entstand die Idee mit den Botschaften von maximal 140 Zeichen. Im März 2007 wurden die Entwickler dann auf einer Digital-Konferenz in Texas entdeckt. Einen Monat später gründeten sie das Unternehmen Twitter.

Auf Twitter war jedes größere Weltereignis ein Thema

Seitdem war fast jedes größere Ereignis auf der Plattform Thema. Als beispielsweise das US-Airways-Flugzeug im Januar 2009 im Hudson notlanden musste, ging ein Foto über Twitter innerhalb von Sekunden um die ganze Welt. Auch bei den Protesten des „Arabischen Frühlings“ im Jahr 2011 waren die Informationen zuerst bei Twitter zu finden.
Der direkte Draht zu den Anhängern ist besonders für Prominente und Politiker praktisch. Sängerin Katy Perry führt die Liste mit 84,5 Millionen Fans an, gefolgt von den Popstars Justin Bieber, Taylor Swift und von US-Präsident Barack Obama. Neben den Textnachrichten können die Nutzer mittlerweile auch Fotos und Videos verschicken. Zu Veranstaltungen oder Fernsehsendungen wird ebenfalls getwittert. Über einen sogenannten Hashtag können die Nutzer alle Nachrichten zu einem bestimmten Schlagwort herausfiltern.
Die Beliebtheit von Twitter nahm bei den Nutzern seit der Gründung stetig zu. Das lässt sich das US-Unternehmen gut bezahlen – und zwar durch Werbekunden. Die generierten Anzeigen machten zuletzt 90 Prozent der Einnahmen aus. Mehr Werbung stört zwar den Nutzer, ließ aber den Umsatz der vergangenen zwei Jahre von Quartal zu Quartal steigen. 2,22 Milliarden Dollar konnte Twitter 2015 einnehmen. Das hilft dem Nachrichtendienst aber nicht, solange unterm Strich nur rote Zahlen stehen.
Einen Gewinn konnte das Unternehmen seit der Gründung noch nicht vorweisen. Insgesamt verlor Twitter im vergangenen Jahr 521 Millionen Dollar. 2013 und 2014 standen die Entwickler aus San Francisco mit Verlusten von 645 und 578 Millionen Dollar sogar noch schlechter da.
Es ist also kein Wunder, dass die Aktionäre ungeduldig sind. Seit einem Jahr befindet sich der Aktienkurs nur noch im Sinkflug. Nachdem im April 2015 die Quartalszahlen verkündet worden waren, sank der Unternehmenswert an einem Tag um ein Fünftel.

Die Twitter-Aktie ist eine Enttäuschung

Dabei war die Hoffnung am Anfang immens. Beim Börsengang im November 2013 rissen sich die Aktionäre um die Papiere. Der Ausgabepreis an der New York Stock Exchange lag bei 26 Dollar und schnellte rasant in die Höhe. Zu Spitzenzeiten erreichte der Kurs sogar fast die 70-Dollar-Marke. Nun liegt er seit langem sogar unter dem ersten Ausgabepreis. Mit dem Tagesschlusskurs am Freitag von 16,85 Dollar hat Twitter fast den absoluten Tiefstand erreicht.
Daher schielt das Unternehmen nun vermehrt auf den größten Konkurrenten im Silicon Valley, auf Facebook. Ein Jahresüberschuss im Jahr 2015 von 3,67 Milliarden Dollar macht sich auch an der Börse bemerkbar. Mittlerweile hat Facebook eine 26 Mal höhere Marktkapitalisierung als der Wettbewerber in Hellblau. Außerdem stieg der Kurs im vergangenen Jahr um 44 Prozent. Bei Twitter fiel er um 64 Prozent.
Aufgrund dieser gegenläufigen Entwicklung arbeitet Twitter wohl auch am eigenen Konzept. In den Augen vieler Nutzer ähnelt dieses immer mehr dem von Facebook. Im Januar sorgte dann ein Tweet von Jack Dorsey für Wirbel. Der Vorstandsvorsitzende stellte die 140-Zeichen-Begrenzung in Frage. Viele Nutzer umgehen das Limit bereits, indem sie Fotos von ihren Texten veröffentlichen, schrieb der Twitter-Chef. Auch Facebook verzichtet auf eine maximale Zeichenzahl. Am Freitag ruderte Dorsey aber zurück. Beim amerikanischen Fernsehsender NBC sagte er über das Limit: „Es bleibt. Es ist eine gute Begrenzung für uns.“ Auch der Vorstoß, die Tweets wie bei Facebook anhand eines Algorithmus zu sortieren und nicht mehr chronologisch anzuzeigen, hatte bereits für Unmut bei den Nutzern gesorgt.

Der Chef Jack Dorsey hat alle Hände voll zu tun

Ansonsten wolle Twitter aber vieles verändern, kündigte Jack Dorsey an. Er selbst ist Teil der Veränderungen. Im Juli übernahm er zum zweiten Mal den Chefposten. Nun will er das Führungsteam von Twitter umkrempeln. Dorsey selbst ist jetzt Vorstandsvorsitzender von zwei Konzernen. Denn neben Twitter leitet er noch Square, ein Unternehmen, das er ebenfalls gegründet hat und mit dem er ein mobiles Bezahlsystem entwickelt.
Nun will Dorsey mit Twitter zumindest in einem Bereich ganz vorne landen. „Wir konzentrieren uns jetzt auf das, was Twitter am besten kann: live sein“, schrieb das Unternehmen in einem Brief an seine Aktionäre. Dies soll mit der Video-Streaming-App Periscope gelingen, die seit etwa einem Jahr zu Twitter gehört. Das Unternehmen werde auf diesem Terrain den Markt anführen, sagte Dorsey bei der Veröffentlichung der letzten Quartalszahlen. Inzwischen ist aber auch Facebook auf diesen Zug gesprungen.
Twitter ringt also weiter mit seinem größten Wettbewerber. Der Erfolg und auch die Feierstimmung zum zehnten Geburtstag bleiben daher ebenso begrenzt wie die Zeichenanzahl eines Tweets.

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