Wie Amazon einer religiösen Sekte ähnelt – Teil 2

Amazon; NYT

Aua, das hat gesessen: Mehr als 4200 meist empörte Kommentare drei Tage nach der Publikation einer gut recherchierten Enthüllungsgeschichte der New York Times über die (Un-)Kultur von Amazon, was die Atmosphäre am Arbeitsplatz angeht, das ist schon bemerkenswert. (Siehe meinen Blogbeitrag vom 16.8.) Und wer die Zahl der Schwüre addiert, von nun an nie mehr etwas bei dem Online-Giganten zu bestellen, der kommt locker auf eine drei- wenn nicht vierstellige Zahl. Das hat nun auch den Amazon-Chef Jeff Bezos höchstpersönlich auf den Plan gerufen, der in einer an seine Mitarbeiter, aber letztlich an die breite Öffentlichkeit gerichteten Replik beteuert, dass er sein Unternehmen in dieser Darstellung, die sich immerhin auf eine dreistellige Anzahl von aktuellen oder ehemaligen Mitarbeitern stützt, überhaupt nicht wiedererkenne (siehe Link unten). Eine deutliche Distanzierung zu den guruartig formulierten Management-Prinzipien, die letztlich zu den nun von Bezos beklagten Auswüchsen führten, sieht anders aus. Wer an die deutsche Situation denkt, der hat ein  Déjà-vu: Anfang 2013 führte ein Fernsehbeitrag über die knallharten Anforderungen in Versandzentren von Amazon zu einem Aufschrei. Das Thema beherrschte über Wochen die Medien – und ermunterte letztlich auch die Gewerkschaft Verdi zum Versuch, über Streiks eine bessere tarifliche Einstufung der Mitarbeiter zu erzielen. Amazon bemüht sich seither zumindest fürs deutsche Publikum um Schadensbegrenzung. Inzwischen hat es sogar in einigen Versandzentren einen Tag der offenen Tür gegeben. Doch in der Sache hat man den Gewerkschaften keinen Zentimeter nachgegeben.

Die Empörung trifft Amazon an einem sehr wunden Punkt

Könnte nun die aktuelle Empörung in den USA ähnlich versanden? Sie trifft jedenfalls das Unternehmen an einem sehr wunden Punkt. Die Empörung über schlecht behandelte, einfache Arbeiter ganz unten beim Paketepacken hat eine andere Dimension als die schlechte Presse über das Klima im Kern des Mitarbeiterstamms und auf der Managementebene. Wie Bezos selbst in seiner Replik zugibt, ist der Wettbewerb um Talente in der Internetbranche äußerst hart. Das einzelne Dementi eines Mitarbeiters auf Linkedin, der die Situation ganz anders beschreibt, kann man nun wirklich nicht als einen Aufschrei der Empörung über die kritsche Darstellung der  NYT unter den Mitarbeitern beschreiben. Das ist so lau, wie Bezos‘ Distanzierung selbst. Die Kritik dürfte ihm deutlich mehr weh tun als das Amazon-Bashing in Deutschland – zumal sie indirekt den Kern und das Ethos seiner Welteroberungsmission infrage stellt. Aber nachhaltig reagieren dürfte das Unternehmen, wie das deutsche Beispiel mit den Versandzentren zeigt, wohl erst, wenn sich die Vorwürfe als spürbar wirtschaftlich schädlich erweisen.

Jeff Bezos versucht zu beschwichtigen (NYT)

Kommentar hinterlassen zu "Wie Amazon einer religiösen Sekte ähnelt – Teil 2"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*