Wie Amazon einer religiösen Sekte ähnelt

Amazon

Der unten verlinkte Artikel aus der New York Times über die knallharte, fordernde Kultur am Arbeitsplatz, die Amazon pflegt, ist zwar schon vom Samstag. Ich habe den Link bereits getweetet. Dennoch lässt mich der Text nicht los, der sich nicht, wie wir es in Deutschland eine Weile getan haben,  mit Versandmitarbeitern beschäftigt, sondern mit der Kernbelegschaft des Unternehmens. Vielleicht liegt das daran, dass ich vor meiner Zeit als US- und Tech-Spezialist als Journalist ein paar Jahre Kirchen- und Religionsberichterstatter war. Und dort habe ich immer wieder Gemeinschaften mit einer „Mission“ kennengelernt, welche die Gefahr barg, dass der Mensch auf dem Weg für (angeblich) höhere Zwecke auf der Strecke blieb. Der Grat zwischen unbedingtem Erfolgswillen und Fanatismus bei Amazon ist schmal. Und was die New York Times nüchtern beschreibt,  ist etwa in seiner impliziten  Frauenfeindlichkeit erschreckend. Kritik und Selbstkritik, die Amazon zum heiligen Prinzip erhebt,  war übrigens auch ein Slogan für kommunistische Umerziehungslager. Das klingt harsch, aber wer die Rituale und Prinzipien des hyperehrgeizigen Online-Versenders einmal daraufhin anschaut, der kann die sektenartigen Züge nicht verleugnen.

Die Mission von Amazon ist natürlich säkular

Die Sendung des Unternehmens ist natürlich kapitalistisch und säkular. Und auch zahllose Erfolgs- und Motivationstrainer in der freien Wirtschaft predigen solche Techniken. Doch im Gegensatz zu Facebook oder Google, ja selbst dem durch seinen kollektiven „morning cheer“ berühmt-berüchtigten Supermarkt-Konzers Walmart wirkt das Unternehmen von Jeff Bezos, das bemerkenswerterweise bisher auch auf nachhaltige Profite verzichtet, besonders radikal. Eine Mahnung ist das auch für die Adepten der missionarischen Erfolgskultur des Silicon Valley. Manches skeptische Gemeckere gegenüber den dortigen Visionären ist – gerne etwa von der Printausgabe des Nachrichtenmagazins Spiegel – gepflegter deutscher Kulturpessimismus. Doch auch bei manchem fröhlich-dynamischen Pitch von Startup-Gurus, die ich hier in Deutschland erlebt habe, befiel mich gelegentlich die Erinnerung an mein früheres Arbeitsfeld der Religions- und Kirchenthemen. Visionen sind gut, abheben muss man dafür nicht – und ob der Menschenverschleiß von Amazon nachhaltig ist, darf bezweifelt werden.

Wie Amazon das Letzte aus seinen Mitarbeitern herausholt (NYT)

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